Bluthochdruck: Geschulte Laien verbessern Gesundheitsversorgung im ländlichen Afrika



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12.02.2026 11:00

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Plötzlich gesund

Fortschreitende Naturerkenntnis, ganz allgemein gesprochen, ‚Wissenschaft‘, ist der stärkste Feind des medizinischen Wunders. Was unseren Vorfahren als Wunder erschien, was einfache Naturvölker heute noch in heftige Erregung versetzt, das berührt den zivilisierten Menschen längst nicht mehr.
Doch es gibt einen Gegensatz, der jedem Denkenden sofort auffällt: der unerhörte, durchaus nicht abgeschlossene Aufstieg der wissenschaftlichen Heilkunde und die ebenso unerhörte Zunahme der Laienbehandlung und der Kurpfuscherei. Man schätzt die Zahl der Menschen, die der Schulmedizin kein Vertrauen schenken, auf immerhin 50 Prozent.
Wie kann es sein, daß Laienbehandler und Kurpfuscher immer wieder spektakuläre Erfolge aufweisen, von denen die Sensationspresse berichtet?
Der Autor geht dieser Frage nach und kommt zu interessanten Erkenntnissen, aus denen er Vorschläge für eine bessere Krankenbehandlung durch seine ärztlichen Standesgenossen ableitet.

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Bluthochdruck: Geschulte Laien verbessern Gesundheitsversorgung im ländlichen Afrika

In ländlichen Regionen Afrikas bleibt Bluthochdruck oft unbehandelt, weil Gesundheitszentren weit weg sind und Fachkräfte fehlen. Eine Studie in Lesotho zeigt: Geschulte Laien erreichen mit Unterstützung einer Tablet-App eine bessere Blutdruckkontrolle in ihrer Dorfgemeinschaft als übliche Behandlungen in Gesundheitszentren. Durchgeführt wurde die Studie von der Universität Basel und der gemeinnützigen Schweizer NGO SolidarMed.

Bluthochdruck ist weltweit eine der führenden Ursachen für Herzinfarkte und Schlaganfälle. In vielen Ländern mit mittlerem und tiefem Einkommen bleibt ein grosser Teil der Betroffenen unbehandelt. Der Zugang zu einer Bluthochdruckbehandlung ist aufgrund medizinischer Unterversorgung insbesondere in abgelegenen Gebieten stark eingeschränkt. Dazu zählt auch der gebirgige Kleinstaat Lesotho im südlichen Afrika.

Dass speziell geschultes Laienpersonal medizinische Aufgaben übernimmt, gilt als vielversprechender Ansatz. Doch bislang fehlten belastbare Studien zur Bluthochdruckbehandlung. Ein Forschungsteam der Universität Basel um Prof. Dr. Niklaus Labhardt und Dr. Alain Amstutz hat dies nun gemeinsam mit SolidarMed, dem Gesundheitsministerium Lesotho und der Nationalen Universität Lesotho überprüft. Die Ergebnisse erscheinen in «Nature Medicine».

Tablet-App führt Laienpersonal durch die Behandlung

Im Rahmen der Studie haben 103 geschulte Laien innerhalb von fünf Monaten in ihren Dörfern mehr als 6’600 Menschen auf Bluthochdruck getestet. Dabei stellten sie bei über 1’200 Personen Bluthochdruck fest, davon über 500 mit medizinisch problematisch hohen Werten. Etwa die Hälfte der identifizierten Bluthochdruck-Patientinnen und Patienten erhielten in der Folge eine blutdrucksenkende Therapie nach klaren Protokollen und mit digitaler Entscheidungsunterstützung verschrieben durch die geschulten Laien.

Eine Tablet-basierte klinische Entscheidungs-App unterstützte die Laienhelferinnen und -helfer im Rahmen der Studie dabei, die Medikamentendosis der blutdrucksenkenden Wirkstoffe Amlodipin und Hydrochlorothiazid für jede Patientin und jeden Patienten nach klaren Vorgaben anzupassen. Im Verlauf der Folgewochen optimierten sie in regelmässigen Kontrollen die Therapie. Patientinnen und Patienten mit Bluthochdruck in der Kontrollgruppe erhielten wie üblich eine Behandlung in Gesundheitseinrichtungen durch medizinisches Fachpersonal.

Dabei schnitt die Versorgung durch Laienpersonal insgesamt besser ab als die übliche Behandlung in Gesundheitseinrichtungen. Gleichzeitig fanden die Forschenden keine relevanten Unterschiede bei schweren Nebenwirkungen oder Komplikationen zwischen den beiden Gruppen. Das laiengestützte Modell war damit ebenso sicher wie die übliche Behandlung. Die Studie zeigt, dass das laiengestützte Modell in abgelegenen Regionen besser funktionieren kann als die Standardversorgung in oft weit entfernten Gesundheitseinrichtungen.

«Nach zwei Wochen Ausbildung sind Laien aus dem Dorf mit digitaler Unterstützung bestens in der Lage, Menschen mit Bluthochdruck zu versorgen», sagt Co-Studienleiter Prof. Dr. Niklaus Labhardt von der Universität Basel. «Dadurch kann sich die Behandlungssituation vieler Blutdruck-Patient:innen deutlich verbessern.»

Als nächsten Schritt wollen die Forschenden die Kostenvorteile dieses Versorgungsansatzes untersuchen.

Bedeutung für Gesundheitssysteme in Ländern mit Fachkräftemangel

Die Ergebnisse aus Lesotho zeigen, wie sich der sogenannte «Task Shifting»-Ansatz in der Praxis umsetzen lässt: Laien werden gezielt geschult, eng begleitet und arbeiten mit klaren Protokollen sowie digitaler Entscheidungsunterstützung. So können Behandlungen näher zu den Menschen gebracht und Gesundheitseinrichtungen entlastet werden.

«Jede noch so kleine Senkung des Blutdrucks vermindert das Risiko für einen späteren Schlaganfall oder Herzinfarkt», betont Labhardt. SolidarMed implementierte das Modell zusammen mit den Gesundheitsbehörden in Lesotho und stellte Schulung, Supervision und Einbettung ins bestehende Gesundheitssystem sicher.

«In der Zusammenarbeit mit SolidarMed haben wir gelernt, dass der Einsatz geschulter Laien aus den Dorfgemeinschaften für das Screening, der Früherkennung und der Nachbetreuung von Bluthochdruck die Zahl der Spitaleinweisungen senken kann. Das hilft den Zugang zur Gesundheitsversorgung für die unterversorgten, abgelegenen Dörfer zu verbessern,» sagt Lebohang Sao, Gesundheitsverantwortliche im Distrikt Butha-Buthe vom Gesundheitsministerium in Lesotho.

«Geschulte Laien sind in vielen Ländern ein wichtiger Teil der Grundversorgung», bestätigt auch Jochen Ehmer, medizinischer Leiter von SolidarMed. «Die Studie zeigt, dass sie – mit passenden Leitlinien und digitaler Unterstützung – auch chronische Krankheiten wie Bluthochdruck sicher mitbetreuen können.»

Die Studie ist Teil des mehrjährigen Forschungsprogramms « Community Based Chronic Care Lesotho» (ComBaCaL), einer angewandten Forschungskooperation zwischen der Schweiz und Lesotho. ComBaCaL wird durch TRANSFORM finanziert, ein Förderprogramm der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA).

«ComBaCaL liefert solide wissenschaftliche Evidenz und trägt dadurch massgeblich zur Wirkung der internationalen Zusammenarbeit bei», sagt DEZA-Forschungsverantwortliche Martina Schmidt. «Solche Projekte sind in der aktuellen entwicklungspolitischen Situation von besonderer Bedeutung.»


Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. med. Niklaus Labhardt, Klinische Epidemiologie, Departement Klinische Forschung, Universitätsspital Basel und Universität Basel, niklaus.labhardt@usb.ch, Tel. +41 79 870 18 59


Originalpublikation:

Felix Gerber et. al. (2026). Lay community health worker-led care with mobile decision support for uncontrolled hypertension: a cluster-randomized trial. Nature Medicine. 10.1038/s41591-026-04208-w https://www.nature.com/articles/s41591-026-04208-w


Bilder

Der Laienhelfer Thabiso Willie misst den Blutdruck einer Patientin in ihrem Zuhause im Dorf Moteng im Distrikt Butha-Buthe in Lesotho.

Der Laienhelfer Thabiso Willie misst den Blutdruck einer Patientin in ihrem Zuhause im Dorf Moteng i
Quelle: Meri Hyöky/The Hub
Copyright: SolidarMed, Meri Hyöky, The Hub

Der Laienhelfer Thabiso Willie auf dem Weg zu einem Patientenbesuch in Moteng, Distrikt Butha-Buthe, Lesotho.

Der Laienhelfer Thabiso Willie auf dem Weg zu einem Patientenbesuch in Moteng, Distrikt Butha-Buthe,
Quelle: Meri Hyöky/The Hub
Copyright: SolidarMed, Meri Hyöky, The Hub


Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten
Ernährung / Gesundheit / Pflege, Medizin
überregional
Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
Deutsch


 

Quelle: IDW