Einfluss der Attraktivität von Schmetterlingen auf Forschung und Naturschutz

Einfluss der Attraktivität von Schmetterlingen auf Forschung und Naturschutz

Einfluss der Attraktivität von Schmetterlingen auf Forschung und Naturschutz

Große und auffällig gefärbte Schmetterlinge erhalten deutlich mehr Aufmerksamkeit als weniger markante Arten. Dies zeigt sich nicht nur bei der allgemeinen Wahrnehmung, sondern auch in der wissenschaftlichen Forschung sowie im Naturschutz. Eine internationale Untersuchung, an der unter anderem Forscher:innen des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) beteiligt waren, bestätigt diesen Zusammenhang. Während attraktive Arten häufiger im Fokus stehen, sind auf den Roten Listen der bedrohten Arten überwiegend unscheinbare Schmetterlinge verzeichnet. Das Forschungsteam weist im Fachjournal Current Biology darauf hin, dass diese Ungleichheit im Naturschutz stärker berücksichtigt werden sollte.

Bewertung der Schönheit europäischer Schmetterlinge

Der Schwalbenschwanz, ein großer Falter mit blassgelber Grundfarbe und charakteristischen Zipfeln an den Hinterflügeln, gilt als besonders attraktiv. In einer Online-Befragung, die von einem internationalen Team unter Leitung von Prof. Dr. Leonardo Dapporto und Mariagrazia Portera von der Universität Florenz durchgeführt wurde, bewerteten über 21.000 Personen aus mehr als 100 Ländern Fotos europäischer Schmetterlinge auf einer Skala von 1 bis 10 hinsichtlich ihrer Schönheit.

Dr. Elisabeth Kühn vom UFZ, die die Studie für Deutschland koordinierte, erläutert, dass leuchtende Farben wie Gelb und Blau, kontrastreiche Muster sowie große, gezackte oder mit Anhängseln versehene Flügel besonders geschätzt werden. Im Gegensatz dazu werden kleine, bräunliche Arten meist als weniger attraktiv wahrgenommen und daher seltener beachtet. Diese Einschätzung war unabhängig vom Vorwissen der Befragten konsistent. Für jede der knapp 500 untersuchten Arten wurde ein „Schönheitsindex“ berechnet, der die Beliebtheit des jeweiligen Falters widerspiegelt.

Auswirkungen auf öffentliche Wahrnehmung und Forschung

Die Attraktivität beeinflusst maßgeblich die öffentliche Aufmerksamkeit: Attraktive Schmetterlinge werden häufiger auf Plattformen wie Flickr und iNaturalist hochgeladen, verfügen über mehr Wikipedia-Einträge und erzielen höhere Zugriffszahlen. Überraschenderweise zeigt sich dieser Trend auch in der wissenschaftlichen Forschung. Die Anzahl veröffentlichter Gen-Sequenzen und wissenschaftlicher Studien ist bei attraktiven Arten deutlich höher.

Ungleichgewicht im Naturschutz

Die Analyse der europäischen Naturschutzgesetzgebung verdeutlicht, dass weniger attraktive Arten benachteiligt sind. So sind in der 1979 verabschiedeten Berner Konvention, die den Schutz wildlebender Pflanzen und Tiere regelt, vor allem Schmetterlinge mit hohem Schönheitsindex überrepräsentiert. Diese Bevorzugung setzt sich in der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH-Richtlinie) der Europäischen Union fort, welche auf der Berner Konvention basiert und die Verteilung von Fördermitteln und Schutzmaßnahmen steuert. Im Rahmen des LIFE-Programms der EU werden daher überwiegend attraktive Arten gefördert.

Im Gegensatz dazu spiegeln die Roten Listen der Jahre 2010 und 2025 keine höhere Gefährdung attraktiver Arten wider. Die Erstellung dieser Listen basiert auf objektiven Kriterien wie Häufigkeit und Populationsrückgang, nicht auf ästhetischen Merkmalen. Tatsächlich sind weniger auffällige Arten oft stärker bedroht, was unter anderem auf den Klimawandel zurückzuführen ist. Beispielsweise sind in den Alpen viele unscheinbare, braune Arten durch steigende Temperaturen gefährdet, da sie in höhere Lagen ausweichen müssen, wo der Lebensraum begrenzt ist.

Empfehlungen für den Naturschutz

Die Forscherin Elisabeth Kühn betont die Bedeutung einer ausgewogenen Berücksichtigung aller Arten im Naturschutz. Während charismatische Arten als „Flaggschiffe“ für Schutzprojekte dienen können, um Aufmerksamkeit und Mittel zu mobilisieren, ist es essenziell, auch unscheinbare Arten umfassend zu erfassen und zu untersuchen. Nur auf dieser Datenbasis lassen sich fundierte Entscheidungen über Schutzbedarfe treffen.

Zur Datenerhebung wurde vor über 20 Jahren das „Tagfalter-Monitoring Deutschland“ (TMD) ins Leben gerufen, eine Kooperation des UFZ mit der Gesellschaft für Schmetterlingsschutz (GfS). Ehrenamtliche beobachten dabei von April bis September wöchentlich festgelegte Strecken, bestimmen und zählen die tagaktiven Schmetterlinge. Obwohl attraktivere Arten tendenziell häufiger fotografiert werden, werden alle Arten systematisch erfasst.


Kontakt für wissenschaftliche Rückfragen

Dr. Elisabeth Kühn
UFZ-Department Naturschutzforschung
E-Mail: elisabeth.kuehn@ufz.de


Literaturhinweis

Leonardo Dapporto et al.: Beauty bias in butterfly research and conservation, Current Biology, https://doi.org/10.1016/j.cub.2026.07.049


Weiterführende Informationen

Tagfalter-Monitoring Deutschland (TMD)


Bildmaterial


Species Beauty Index europäischer Schmetterlinge

Der Species Beauty Index (SBI) europäischer Schmetterlinge zeigt typische Vertreter auf dem phylogenetischen Stammbaum. Rot markiert höhere, blau niedrigere Schönheitswerte.
Quelle: Leonardo Dapporto / Current Biology