Elektromagnetische Störfelder beeinträchtigen die Orientierung von Mückenfledermäusen

Elektromagnetische Störfelder beeinträchtigen die Orientierung von Mückenfledermäusen

Elektromagnetische Störfelder beeinträchtigen die Orientierung von Mückenfledermäusen

Ein internationales Forscherteam unter Leitung von Dr. Oliver Lindecke von der Universität Oldenburg hat in der Fachzeitschrift Science neue Erkenntnisse zur Wirkung elektromagnetischer Felder auf Mückenfledermäuse veröffentlicht. Die Studie zeigt, dass schwache elektromagnetische Breitbandstrahlung im Frequenzbereich von 10 Kilohertz bis 300 Megahertz die Orientierung dieser Tiere erheblich stört.

Einfluss von Elektrosmog auf das Navigationsverhalten

Die Auswirkungen von vom Menschen erzeugter elektromagnetischer Strahlung auf wildlebende Tierarten sind bislang kaum erforscht. Bekannt ist lediglich, dass Elektrosmog den Magnetkompass von Zugvögeln beeinträchtigen kann. Die neue Untersuchung erweitert dieses Wissen auf Säugetiere, insbesondere auf Mückenfledermäuse (Pipistrellus pygmaeus), die das Erdmagnetfeld für ihre Wanderungen nutzen.

Bereits 2023 hatten Lindecke und Kollegen aus Großbritannien und Lettland gezeigt, dass diese Fledermäuse ihren Magnetkompass bei Sonnenuntergang neu kalibrieren, indem sie den Sonnenuntergang als Orientierungspunkt verwenden. In der aktuellen Studie wurden 34 Tiere während des Sonnenuntergangs für 30 Minuten elektromagnetischem Rauschen ausgesetzt. Anschließend wurde in einem Feldlabor an der lettischen Ostseeküste ihre Abflugrichtung bei Nacht bestimmt, um Rückschlüsse auf ihre Zugrichtung zu ziehen.

Ergebnisse der Feldversuche

  • Die Fledermäuse, die dem elektromagnetischen Rauschen ausgesetzt waren, zeigten keine gerichtete Abflugrichtung, sondern wählten diese zufällig.
  • Die Kontrollgruppe ohne Störfeld orientierte sich hingegen in eine bevorzugte Richtung.
  • In weiteren Versuchen wurde das Rauschen erst nach Sonnenuntergang angewendet. Auch hier war die Orientierung der Tiere beeinträchtigt, obwohl die Kompasskalibrierung bereits abgeschlossen war.
  • Die Störung hielt mehrere Stunden an, obwohl die Exposition nur kurzzeitig erfolgte.

Diese länger anhaltende Wirkung überrascht, da Untersuchungen an Zugvögeln nahelegen, dass deren Magnetsinn sich unmittelbar nach Wegfall des Rauschens wieder normalisiert. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Orientierungssystem der Fledermäuse anders auf elektromagnetische Störfelder reagiert als das der Vögel.

Folgen und Bedeutung für den Naturschutz

Die Studie legt nahe, dass Elektrosmog nicht nur kurzfristige, sondern auch längerfristige Verhaltensänderungen bei Wildtieren hervorrufen kann. Dies widerspricht bisherigen Annahmen, wonach elektromagnetische Felder nur bei direkter Exposition während des Zuges eine Rolle spielen. Die zunehmende Verbreitung drahtloser Technologien und die Urbanisierung könnten somit das Wanderverhalten von Tieren nachhaltig beeinflussen.

Die geltenden Grenzwerte für elektromagnetische Strahlung berücksichtigen vor allem den Schutz des Menschen, nicht jedoch die Auswirkungen auf die Tierwelt. Die Forschenden warnen, dass Wildtiere bereits bei Strahlungsintensitäten weit unterhalb dieser Schwellen beeinträchtigt werden können.

Finanzierung und weiterführende Forschung

Die Untersuchung wurde teilweise durch den Sonderforschungsbereich „Magnetrezeption und Navigation in Vertebraten“ der Universität Oldenburg unterstützt, der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird. Dr. Oliver Lindecke ist seit 2021 Fellow dieses SFB und leitet seit 2023 ein Teilprojekt mit Fokus auf wandernde Fledermäuse.


Kontakt für wissenschaftliche Rückfragen

Dr. Oliver Lindecke
Telefon: +49 441 798 3806
E-Mail: oliver.lindecke@uol.de

Referenz der Originalpublikation

Oliver Lindecke et al.: „Disruptive effects of brief radiofrequency noise exposure on migratory bat migration“, Science, 28. Mai 2026, DOI: 10.1126/science.adq4418