Flexible Brutpflege bei Stadttauben sichert Nestschutz trotz Futterknappheit

Flexible Brutpflege bei Stadttauben sichert Nestschutz trotz Futterknappheit

Taubenväter übernehmen bei Nahrungsmangel verstärkt Brutpflege

Eine Untersuchung der Technischen Universität München (TUM) zeigt, dass Stadttauben ihre Brutpflege flexibel anpassen. Insbesondere bei eingeschränkter Nahrungsverfügbarkeit erhöhen die Männchen ihre Brutzeit, sodass die Weibchen mehr Zeit für die Futtersuche erhalten. Dieses Verhalten trägt dazu bei, dass die Tauben auch unter schwierigen Bedingungen erfolgreich brüten können. Die Ergebnisse werfen neue Fragen hinsichtlich der Wirkung von Fütterungsverboten in urbanen Gebieten auf.

Kooperative Brutpflege sichert Nestschutz

Die Elternvögel teilen sich die Aufgaben der Brutpflege so, dass das Nest nahezu kontinuierlich gewärmt und bewacht wird. Weibliche Tauben leisten den größten Anteil der Brutarbeit vor dem Schlupf, unabhängig von der Futterlage. Ihre Einsatzdauer ist jedoch durch ihre Energiereserven begrenzt. Bei ausreichender Nahrungsversorgung verbringen Weibchen etwa 81 % der Zeit auf dem Gelege, während Männchen nur 17 % der Brutzeit übernehmen. Bei Nahrungsknappheit sinkt die Brutzeit der Weibchen auf 75 %, die Männchen erhöhen ihre Anwesenheit auf 22 %. Dadurch bleibt die Gesamtzeit der Nestbetreuung nahezu konstant.

Einfluss von Fütterungsverboten auf Stadttauben

Die Studie untersuchte 75 Taubennester in drei Städten mit Fütterungsverboten. Diese Verbote dienen häufig dazu, die Population der Stadttauben zu verringern, da diese überwiegend von menschlicher Nahrung abhängig sind. Eine Gruppe der Tauben lebte in Taubenschlägen mit ausreichender Futterversorgung, die andere nistete frei an Gebäuden und musste selbst Nahrung beschaffen. Die Nester waren mit Gewichtssensoren ausgestattet, die Veränderungen automatisch erfassten, um das Brutverhalten und den Zustand der Elterntiere zu dokumentieren, ohne diese zu stören.

Die Daten zeigten, dass Weibchen mit ausreichendem Futter etwa 35 Gramm, also rund 10 %, schwerer waren als die in der Futter-armen Kontrollgruppe. Dies deutet auf unterschiedliche Energiereserven hin. Bei den Männchen wurden keine signifikanten Gewichtsunterschiede festgestellt, da sie mehr Zeit für die Futtersuche aufwenden konnten. Die Nahrungsknappheit infolge von Fütterungsverboten wirkt sich somit primär auf die weiblichen Tauben und deren Energiereserven aus.

Folgen für das Taubenmanagement

Brandon Mak, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TUM und Erstautor der Studie, betont: „Unsere Ergebnisse zeigen, wie Nahrungsmangel das Brutverhalten von Tauben beeinflusst. Trotz erschwerter Bedingungen gelingt es ihnen, ihre Jungen auszubrüten.“ Allerdings könnten die Jungvögel nach dem Schlupf aufgrund von Futtermangel verhungern. Mak empfiehlt daher, Maßnahmen zu ergreifen, die früh im Fortpflanzungszyklus ansetzen, wie beispielsweise den regelmäßigen Austausch von Eiern durch Attrappen, um die Population schonender zu kontrollieren.

Prof. Wolfgang Weisser, Leiter des Lehrstuhls für Terrestrische Ökologie an der TUM, ergänzt: „Das Zusammenleben mit Stadttieren erfordert ein vertieftes Verständnis ihres Verhaltens, unabhängig von der persönlichen Einstellung. Das Taubenmanagement ist aufgrund der eingesetzten Methoden umstritten. Ein reflektierter Umgang mit den Tieren und ihrer Lebensumgebung sollte effektive, artgerechte Maßnahmen berücksichtigen.“


Kontaktinformationen der Wissenschaftler


Publikation

Mak, B.; Chaban, M. J.; Drewitt, E.; Weisser, W.W.; Apfelbeck, B.: When the going gets tough, the dove gets going: feral pigeons maintain nest attendance rates during food shortages with asymmetrical biparental care. Royal Society Open Science (2026). DOI: https://doi.org/10.1098/rsos.261123