Evolutionsgeschichte und Ausbreitung der Stärlinge auf dem amerikanischen Doppelkontinent

Evolutionsgeschichte und Ausbreitung der Stärlinge auf dem amerikanischen Doppelkontinent

Verbreitung der Stärlinge auf dem amerikanischen Kontinent

Forschende der Julius-Maximilians-Universität Würzburg haben die Ausbreitung der Stärlinge (Icteridae) auf Nord- und Südamerika über mehrere Millionen Jahre hinweg untersucht und deren Evolutionsgeschichte detailliert rekonstruiert.

Herkunft und geographische Ausbreitung

Die Familie der Stärlinge umfasst etwa 100 Singvogelarten, die sich von Alaska bis nach Feuerland erstrecken. Bekannte Vertreter sind unter anderem Trupiale, Grackeln und Kuhstärlinge. Trotz umfangreicher Studien blieb die Herkunft und biogeographische Entwicklung dieser Vogelgruppe bisher umstritten. Während der Ornithologe Ernst Mayr 1946 eine südamerikanische Herkunft annahm, deutete eine Untersuchung von Barker et al. (2015) auf einen Ursprung in Nordamerika hin. Die genaue Ausbreitungsdynamik über den amerikanischen Doppelkontinent war bislang unklar.

Methodik und Ergebnisse

Die Analyse basierte auf Verbreitungsdaten sowie phylogenetischen Stammbäumen von 104 der 106 anerkannten Stärlingsarten. Mithilfe statistischer Modelle wurde der zeitliche Ablauf und die Route der Ausbreitung rekonstruiert. Die Ergebnisse deuten auf eine sukzessive Besiedlung von Norden nach Süden hin:

  • Vor etwa 7,5 Millionen Jahren erreichten die Vorfahren Mittelamerika und die Karibik.
  • Rund 6,1 Millionen Jahre später erfolgte die Ausbreitung ins Amazonasgebiet und die Anden.
  • Vor circa 4,8 Millionen Jahren wurde das südliche Südamerika besiedelt.
  • Patagonien erreichten die Vögel vor etwa 2,7 Millionen Jahren.

Diese zeitliche Abfolge entspricht weitgehend früheren Studien, jedoch zeigt die Untersuchung, dass die Stärlinge Südamerika bereits vor der vollständigen Entstehung des Isthmus von Panama erreichten.

Bedeutung der Landverbindungen und Lebensräume

Die Daten legen nahe, dass die Stärlinge vor rund sechs Millionen Jahren erstmals nach Südamerika gelangten, was etwa drei Millionen Jahre früher ist als bisher angenommen. Da der Isthmus von Panama zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig ausgebildet war, könnten die Vögel offene Wasserflächen, Inselketten oder provisorische Landbrücken zur Überquerung genutzt haben.

Parallel dazu breiteten sich in Südamerika offene, grasbewachsene Lebensräume aus. Die Studie diskutiert diese Umweltveränderungen als mögliche Faktoren, die die Ausbreitung begünstigten, ohne jedoch eine direkte Kausalität nachweisen zu können.

Artbildung und Diversifizierung

Die Analyse zeigt, dass die Entstehung neuer Arten nicht ausschließlich durch die Besiedlung neuer Gebiete erklärt werden kann. Vielmehr entwickelten sich zahlreiche Arten innerhalb bereits besiedelter Regionen. Die Artbildungsraten in Nord- und Südamerika waren vergleichbar.

Die Autoren betonen, dass neben geografischen Faktoren auch ökologische Spezialisierungen, soziale Verhaltensweisen und sexuelle Selektion eine Rolle bei der Diversifizierung gespielt haben könnten. Zukünftige Untersuchungen sollten diese Aspekte in die Modelle integrieren, um die Mechanismen der Artbildung besser zu verstehen.

Entstehung der Studie im akademischen Kontext

Das Forschungsprojekt entstand im Rahmen der Lehre am Lehrstuhl für Computational and Theoretical Biology (CCTB) der Universität Würzburg. Dr. Axel Arango Garcia nutzt die Stärlinge seit Jahren als Beispiel zur Vermittlung makroökologischer Prinzipien und phylogenetischer Analyseverfahren. Die vorliegende Studie entwickelte sich aus der Vorbereitung eines Workshops zur parametrischen Biogeografie, unterstützt durch das Bayerische Hochschulzentrum für Lateinamerika (BAYLAT).

Arango betont die Bedeutung der Ergebnisse: „Es ist bemerkenswert, dass die Vorfahren der Stärlinge Südamerika bereits lange vor der vollständigen Schließung der Landbrücke erreichten und sich anschließend bis nach Feuerland ausbreiteten.“


Kontakt für wissenschaftliche Rückfragen:

Dr. Axel Arango, Lehrstuhl für Computational and Theoretical Biology (CCTB), E-Mail: axel.arango-garcia@uni-wuerzburg.de

Quelle der Originalpublikation:

Arango, Axel & Gokhale, Chaitanya S. (2026): The historical biogeography of the New World blackbirds (Icteridae). Frontiers of Biogeography 19, e202331. DOI: 10.21425/fob.19.202331