
Globale Ernährungsumstellung führt zu tiefgreifenden Veränderungen in der Landwirtschaft
Eine aktuelle Studie, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Nature, analysiert die Auswirkungen einer weltweiten Umstellung auf eine gesündere und nachhaltigere Ernährung bis zum Jahr 2050. Die Untersuchung, geleitet von der Cornell University und unter Beteiligung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) sowie des Agricultural Model Intercomparison and Improvement Project, verdeutlicht die Chancen und Herausforderungen einer solchen Transformation des globalen Ernährungssystems. Dabei wird betont, dass eine aktive und sozial ausgewogene Agrar- und Ernährungspolitik notwendig ist, um diesen Wandel zu steuern.
Dringender Handlungsbedarf für ein nachhaltiges Ernährungssystem
Der Bericht der EAT-Lancet-Kommission aus dem Jahr 2025 weist darauf hin, dass jährlich etwa 15 Millionen vorzeitige Todesfälle bei Erwachsenen verhindert werden könnten, wenn weltweit eine gesunde und flexible „Planetary Health Diet“ umgesetzt würde. Aktuell trägt das Ernährungssystem zu rund einem Drittel der menschengemachten Treibhausgasemissionen bei und ist maßgeblich an der Überschreitung von fünf planetaren Belastungsgrenzen beteiligt. Gleichzeitig gehen etwa ein Drittel aller produzierten Lebensmittel verloren oder werden verschwendet, während die Hälfte der bewohnbaren Landfläche der Erde landwirtschaftlich genutzt wird – hauptsächlich für die Viehzucht und den Anbau von Futtermitteln.
Vergleich zweier Zukunftsszenarien bis 2050
Das Forschungsteam setzte zehn globale Ernährungssystemmodelle ein, um zwei Szenarien für das Jahr 2050 zu vergleichen:
- Ein „Business-as-usual“-Szenario, das den aktuellen Trends folgt
- Ein Transformationsszenario, das durch gesündere Ernährungsweisen, höhere landwirtschaftliche Produktivität und eine Halbierung der Lebensmittelverschwendung gekennzeichnet ist
Hermann Lotze-Campen, Leiter der Forschungsabteilung Klimaresilienz am PIK und Co-Autor der Studie, erklärt: „Die Fortführung des gegenwärtigen Pfades ist die kostspieligere Alternative. Eine wachsende Weltbevölkerung bis 2050 mit gesunder Ernährung zu versorgen, würde den Gesamtwert der landwirtschaftlichen Produktion etwa auf dem Niveau von 2020 halten und gleichzeitig Umwelt- sowie Gesundheitskosten im Vergleich zum Business-as-usual-Szenario reduzieren.“
Reduzierter Flächenverbrauch und geringere Tierbestände
Im Business-as-usual-Szenario führen die Modelle zu steigenden Tierbeständen, erweiterten Anbauflächen, höheren Produktionsmengen und verstärkten Umweltbelastungen wie Treibhausgasemissionen und Stickstoffdüngung. Das Transformationsszenario prognostiziert hingegen eine stärkere Nutzung landwirtschaftlicher Erzeugnisse für die direkte menschliche Ernährung, geringere Produktionsmengen bei Fleisch, Milchprodukten, Getreide und Zuckerpflanzen sowie reduzierte Tierbestände und Flächennutzung. Gleichzeitig sinken Produktionskosten und Erzeugerpreise in diesen Bereichen.
Matt Gibson, Hauptautor und Research Fellow an der London School of Hygiene and Tropical Medicine, der die Studie während seiner Zeit an der Cornell University koordinierte, fasst zusammen: „Unsere Modelle zeigen, dass eine Transformation im Vergleich zum Business-as-usual-Szenario die weltweite landwirtschaftliche Flächennutzung bis 2050 um neun Prozent und den Produktionswert der Tierhaltung um 60 Prozent reduzieren könnte. Die gesamte landwirtschaftliche Produktion läge um 17 Prozent unter dem Business-as-usual-Szenario, was hauptsächlich auf Veränderungen in der Viehwirtschaft zurückzuführen ist. Diese Rückgänge werden teilweise durch Zuwächse in anderen Sektoren ausgeglichen, beispielsweise einem erwarteten Anstieg des wirtschaftlichen Produktionswerts von Gemüse, Obst, Nüssen und Hülsenfrüchten um 23 Prozent.“
Signifikante Verringerung der Treibhausgasemissionen
Die Umstellung hätte weitreichende politische Konsequenzen für den Agrar- und Ernährungssektor. Während die Belastungen insbesondere ländliche Regionen mit stark tierhaltungsorientierter Landwirtschaft betreffen würden, kämen die gesundheitlichen und ökologischen Vorteile einer größeren Bevölkerungsgruppe zugute. Im Transformationsszenario würden die Netto-CO₂-Emissionen aus agrarbedingten Landnutzungsänderungen bis 2050 um 76 Prozent gegenüber dem Business-as-usual-Szenario sinken. Zudem würden die direkten Methan- und Lachgasemissionen aus der Landwirtschaft um etwa ein Drittel zurückgehen.
Felicitas Beier, Wissenschaftlerin am PIK und Co-Autorin der Studie, betont: „Das Potenzial für Umwelt- und Gesundheitsverbesserungen ist erheblich. Gleichzeitig erfordert die Bewältigung der strukturellen Herausforderungen im Agrarsektor eine abgestimmte Ernährungs- und Agrarpolitik sowie einen Dialog, der alle relevanten Akteure einbindet.“
Politische Handlungsempfehlungen
Die Forschenden schließen daraus, dass das Ausmaß der erforderlichen Veränderungen eine ambitionierte politische Ausgestaltung voraussetzt. Entschlossene Entscheidungen in der Gegenwart können dazu beitragen, besonders betroffene Gruppen zu unterstützen und zugleich die Vorteile eines transformierten Ernährungssystems umfassend zu nutzen.
Originalpublikation
Gibson, M. et al. (2026): Food systems transformation would reshape global agriculture. Nature. DOI: 10.1038/s41586-026-10775-2




