Klimawandel bedroht biokulturelles Erbe und Pflanzenvielfalt im Amazonasgebiet

Klimawandel bedroht biokulturelles Erbe und Pflanzenvielfalt im Amazonasgebiet

Auswirkungen des globalen Wandels auf das biokulturelle Erbe im Amazonasgebiet

Eine aktuelle Untersuchung der Universität Zürich zeigt, dass der Klimawandel indigene Kulturen im Amazonasgebiet erheblich beeinträchtigen wird. Bis zum Jahr 2080 könnten bis zu einem Drittel der von ihnen genutzten einheimischen Pflanzenarten verloren gehen. Gleichzeitig wird das biokulturelle Wissen durch den Rückgang indigener Sprachen stark abnehmen.

Biokulturelles Wissen und indigene Pflanzenvielfalt im Amazonas

Das Amazonasgebiet, eines der bedeutendsten Ökosysteme weltweit, beherbergt mehr als 400 indigene Gemeinschaften, die zahlreiche Pflanzenarten des Regenwaldes nutzen. Dieses Wissen wird überwiegend mündlich von Generation zu Generation weitergegeben, wodurch eine umfangreiche „lebende Bibliothek“ über die Nutzung der heimischen Flora entsteht. Bislang war unklar, wie sich der Klimawandel und der Verlust indigener Sprachen auf diesen Wissensschatz auswirken. Die Studie der Universität Zürich liefert erstmals belastbare Daten zu den Folgen des globalen Wandels für das biokulturelle Erbe der Region.

Erstellung einer umfassenden Datenbank zur Pflanzenutzung

Das Forschungsteam unter Leitung von Prof. Rodrigo Cámara Leret, Experte für tropische Pflanzenvielfalt und Ethnobotanik, erarbeitete zunächst eine Datenbank, die alle verfügbaren Berichte zur Pflanzenverwendung in den Amazonasländern (Brasilien, Peru, Kolumbien, Bolivien, Ecuador, Venezuela, Guyana, Suriname und Französisch-Guayana) zusammenfasst. In Kooperation mit Dr. Patrick Roehrdanz vom Moore Center for Science, Conservation International, USA, wurden über 700 Quellen aus mehr als 500 Jahren ausgewertet.

  • Mindestens ein Drittel der bekannten Pflanzenarten wird von indigenen Völkern genutzt – das entspricht 5796 Arten.
  • Die Datenbank stellt einen bedeutenden Fortschritt dar, weitere ethnobotanische Feldstudien werden jedoch zusätzliche Erkenntnisse liefern.
  • Beispielsweise wurde in Zusammenarbeit mit dem indigenen Volk der Cacua eine bislang unbekannte Kronenpalmenart entdeckt, die für deren Ernährungssicherheit eine zentrale Rolle spielt.

Bedeutung der Flora für indigene Gemeinschaften

Die Pflanzenwelt erfüllt vielfältige Funktionen für die indigenen Gesellschaften: Sie dient als Nahrungsquelle (z. B. Hülsenfrüchte, Pfirsichpalmen, Patauá-Öl), ist Teil kultureller Rituale, wird für den Bau genutzt und besitzt medizinische Eigenschaften. Ein Beispiel ist die Tabakpflanze, die nicht nur als Genussmittel verwendet wird, sondern auch in Ritualen zur Besänftigung von Waldgeistern und zur Warnung vor Eindringlingen eine Rolle spielt. Diese Praktiken spiegeln den Respekt vor der Natur und das Wissen um die Abhängigkeit vom Regenwald wider und prägen die kulturelle Identität der Gemeinschaften.

Prognosen zum Verlust genutzter Pflanzenarten durch den Klimawandel

In einem weiteren Schritt wurden die gesammelten Daten in 8429 Artenverbreitungsmodelle integriert und anhand von drei Klimaszenarien des Weltklimarates simuliert. Die Ergebnisse zeigen, dass die Verbreitungsgebiete der genutzten Pflanzenarten zwischen 2060 und 2080 stärker schrumpfen werden als die nicht genutzter Arten. Konkret wird erwartet, dass indigene Kulturen im Durchschnitt 28 bis 34 Prozent der genutzten Pflanzenarten sowie 18 bis 23 Prozent der damit verbundenen Ökosystemleistungen verlieren.

Verlust des biokulturellen Erbes durch Arten- und Sprachensterben

Der Rückgang der Pflanzenarten führt nicht nur zum Verlust biologischer Vielfalt, sondern auch zum Verschwinden von indigenen Pflanzennamen, deren Anwendungen und dem Wissen um deren ökologische Bedeutung. Dadurch schrumpft das kulturelle Erbe, das eng mit der Flora verbunden ist, um etwa 26 Prozent bis 2080. Die Studie verdeutlicht, dass der Klimawandel nicht nur die Biodiversität, sondern auch die bedrohten Sprachen und das kulturelle Wissen im Amazonasgebiet stark beeinträchtigen wird.

Ansätze zur Renaturierung und Erhaltung des Wissens

Die gewonnenen Erkenntnisse und der öffentlich zugängliche Datensatz sollen als Grundlage für Maßnahmen zur biologischen Renaturierung und zur Wiederherstellung des kulturellen Wissens dienen. Die Zusammenarbeit mit indigenen Gemeinschaften ist dabei zentral, um die schriftliche Dokumentation der Pflanzenkenntnisse zu fördern und die mündliche Weitergabe zu bewahren. Ziel ist es, die negativen Folgen des globalen Wandels für Ökosysteme und kulturelle Traditionen zu begrenzen oder umzukehren.

Literatur und Kontakt

Quelle:
Rodrigo Cámara Leret et al. „The forest of knowledge under global change.“ Nature, 08. Juli 2026. DOI: 10.1038/s41586-026-10741-y

Kontakt:
Prof. Dr. Rodrigo Cámara Leret
Institut für Systematische und Evolutionäre Botanik
Universität Zürich
Telefon: +41 44 634 84 11
E-Mail: rodrigo.camaraleret@uzh.ch