Stadionfieber messbar: Warum Live-Fußball den Puls antreibt



Teilen: 

06.02.2026 07:31

Literature advertisement

Plötzlich gesund

Fortschreitende Naturerkenntnis, ganz allgemein gesprochen, ‚Wissenschaft‘, ist der stärkste Feind des medizinischen Wunders. Was unseren Vorfahren als Wunder erschien, was einfache Naturvölker heute noch in heftige Erregung versetzt, das berührt den zivilisierten Menschen längst nicht mehr.
Doch es gibt einen Gegensatz, der jedem Denkenden sofort auffällt: der unerhörte, durchaus nicht abgeschlossene Aufstieg der wissenschaftlichen Heilkunde und die ebenso unerhörte Zunahme der Laienbehandlung und der Kurpfuscherei. Man schätzt die Zahl der Menschen, die der Schulmedizin kein Vertrauen schenken, auf immerhin 50 Prozent.
Wie kann es sein, daß Laienbehandler und Kurpfuscher immer wieder spektakuläre Erfolge aufweisen, von denen die Sensationspresse berichtet?
Der Autor geht dieser Frage nach und kommt zu interessanten Erkenntnissen, aus denen er Vorschläge für eine bessere Krankenbehandlung durch seine ärztlichen Standesgenossen ableitet.

Hier geht es weiter …

Stadionfieber messbar: Warum Live-Fußball den Puls antreibt

Studie zu DFB-Pokalfinale vergleicht Stadion, TV und Public Viewing

Fans des DSC Arminia Bielefeld erleben Fußballfieber im Stadion intensiver als vor dem Fernseher. Eine Studie der Universität Bielefeld belegt klare Unterschiede in Herzfrequenz und Stresslevel beim DFB-Pokalfinale 2025. Die direkte Präsenz im Stadion verstärkt der Studie zufolge Reaktionen auf Tore und Spielverlauf deutlich. Die Forschenden erfassten die Vitalwerte von 229 Fans über zwölf Wochen über Smartwatches. Veröffentlicht wurde die Studie in Scientific Reports, einem Fachjournal des Nature-Verlags.

Die wichtigsten Fakten im Überblick:
• Fans im Stadion kommen auf durchschnittlich 94 Herzschläge pro Minute, TV-Zuschauer*innen auf nur 79, beim Public Viewing sind es 74.
• Die Anhänger*innen vor Ort reagieren auf Tore mit bis zu 36 Prozent höheren Pulswerten.
• Samstage sind selbst ohne Spiel die stressreichsten Tage für die Fans, das Pokalfinale steigert die Werte nochmals erheblich.

Die Atmosphäre im Stadion treibt den Puls nach oben. Arminia-Fans, die das Pokalfinale am 24. Mai 2025 im Berliner Olympiastadion verfolgten, wiesen eine durchschnittliche Herzfrequenz von 94 Schlägen pro Minute auf. Zuschauer*innen vor dem Fernseher kamen nur auf 79 Schläge, beim Public Viewing waren es sogar nur 74.

Der Unterschied wird bei emotionalen Höhepunkten noch größer. Nach dem ersten Tor von Arminia Bielefeld schnellte der Puls der Stadionbesucher*innen auf durchschnittlich 108 Schläge, 36 Prozent über dem der TV-Zuschauer*innen. „Die direkte Präsenz verstärkt die körperliche Reaktion offenbar erheblich“, sagt Professorin Dr. Christiane Fuchs, Co-Autorin der Studie und Leiterin der Data-Science-Gruppe an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Bielefeld. Wo die Studienteilnehmer*innen das Finale verfolgten, hatte das Forschungsteam nach dem Spiel per Fragebogen erfasst.

Ursachen für das Stadionfieber lassen sich anhand der verfügbaren Daten nicht eindeutig bestimmen. Den Autor*innen zufolge könnte die direkte Nähe zum Spielgeschehen im Stadion die Herzbelastung erhöhen. Reizdichte, emotionale Ansteckung und Erwartungsspannung könnten dort stärker als vor dem Fernseher wirken, während diese Effekte beim Public Viewing trotz gemeinsamer Atmosphäre offenbar abgeschwächt bleiben.

Samstag ist Stresstag

Schon normale Samstage bedeuten für die Arminia-Fans erhöhten Stress. Die Daten zeigen höhere Werte als an Wochentagen. Die Autor*innen der Studie vermuten dahinter eine grundsätzlich gesteigerte Aktivität an diesem Tag der Woche. Am Finaltag aber stiegen die Messwerte drastisch. Der durchschnittliche Stresspegel erreichte 45,3 Punkte auf einer Skala zwischen 0 und 100. An regulären Tagen waren es nur 31,9. Besonders auffällig ist der Verlauf über den Tag.

Bereits morgens um sechs Uhr, 14 Stunden vor Anpfiff, lagen die Werte über dem Normalbereich. Die Anspannung steigerte sich kontinuierlich und erreichte ihren Höhepunkt kurz vor dem Anpfiff um 20 Uhr. „Wir sehen die Aufregung schon lange vor Spielbeginn“, erklärt Professor Dr. Christian Deutscher von der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft. Selbst nach Mitternacht blieben die Werte erhöht.

Wie die Studie zeigt, verstärkt Alkohol die Herzbelastung. Die Hälfte der befragten Fans trank während des Spiels, unter den Stadionbesucher*innen waren es 65 Prozent. Der Konsum erhöhte die Herzfrequenz um durchschnittlich 5,3 Prozent. Bei emotionalen Momenten wie Toren stieg dieser Effekt auf 11,7 Prozent. Die Kombination aus Aufregung, Stadionatmosphäre und Alkohol kann das Herz-Kreislauf-System belasten, warnen die Forschenden. Frühere Studien belegen ein erhöhtes Risiko für Herzrhythmusstörungen bei Sport-Großveranstaltungen.

Zwölf Wochen lang Vitaldaten von Fans erhoben

Die Untersuchung, bekannt als „Fußballfieber Studie“, erfasste Vitaldaten von 229 Arminia Fans über einen Zeitraum von zwölf Wochen. Grundlage waren von den Teilnehmenden freigegebene Daten ihrer Garmin Smartwatches. 194 Teilnehmer*innen lieferten Daten am Finaltag, 37 füllten zusätzlich Fragebögen aus. Das Finale war historisch für den Drittligisten DSC Arminia Bielefeld, der zum ersten Mal im Endspiel des DFB-Pokals stand. Trotz der 2:4-Niederlage gegen den VfB Stuttgart zeigten die Fans in den letzten Minuten nach zwei eigenen Toren wieder Spitzenwerte beim Puls. „Obwohl die Siegchancen zu diesem Zeitpunkt objektiv gering waren, zeigten sich bei den Fans in den Schlussminuten noch einmal deutliche Reaktionen“, so Christiane Fuchs. Die Studie ist am Fokusbereich QUAMU der Universität angesiedelt, der sich mit der Quantifizierung von Unsicherheit und dem Umgang mit Unsicherheit befasst. Die Forschung wurde von der Wissenswerkstadt Bielefeld unterstützt, die innovative Ansätze zur Verbindung von Wissenschaft und Gesellschaft fördert.

Einschätzung von Professor Dr. Christian Deutscher zum Thema:
„Unsere Fußballstudie ist die erste, die mit mehr als 200 Fans kontinuierlich über Wochen zeigt, wie unterschiedlich stark der Ort des Zuschauens wirkt. Das Stadion ist eine andere Welt als das Wohnzimmer.“


Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Prof. Dr. Christian Deutscher, Universität Bielefeld
Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft
Telefon 0521 106-2006
E-Mail: christian.deutscher@uni-bielefeld.de


Originalpublikation:

Timo Adam, Jonas Bauer, Christian Deutscher, Christiane Fuchs, Tamara Schamberger, David Winkelmann: Measuring football fever through wearable technology: A case study on the German cup final. Scientific Reports, https://www.nature.com/articles/s41598-026-36182-1, erschienen am 5. Februar 2026.


Weitere Informationen:

https://www.eurekalert.org/news-releases/1114869 Newsmeldung von Scientific Reports
https://blogs.uni-bielefeld.de/blog/pressemitteilungen/entry/l-auml-sst-sich-fu Pressemitteilung zum Start der Studie
https://blogs.uni-bielefeld.de/blog/pressemitteilungen/entry/studie-so-gestresst… Pressemitteilung zu erster Auswertung der Daten


Bilder

Die Grafik zeigt den durchschnittlichen Puls der Arminia-Fans während des DFB-Pokalfinales. Rote Linien markieren die vier Stuttgart-Tore, blaue gestrichelte Linien die Bielefelder Torchancen, durchgezogene blaue Linien die beiden Arminia-Tore.

Die Grafik zeigt den durchschnittlichen Puls der Arminia-Fans während des DFB-Pokalfinales. Rote Lin

Copyright: Scientific Reports, Universität Bielefeld (CC BY-NC-ND 4.0)

Die „Fußballfieber‑Studie“ der Universität Bielefeld zeigt, wie unterschiedlich stark das Fußballerlebnis den Körper von Fans belastet.

Die „Fußballfieber‑Studie“ der Universität Bielefeld zeigt, wie unterschiedlich stark das Fußballerl
Quelle: Sarah Jonek
Copyright: Wissenswerkstadt Bielefeld/Sarah Jonek


Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Lehrer/Schüler, Studierende, Wissenschaftler, jedermann
Gesellschaft, Informationstechnik, Medizin, Psychologie, Sportwissenschaft
überregional
Forschungsergebnisse
Deutsch


 

Quelle: IDW