Strategische Integration geopolitischer Risiken in Wasserstoffstrategien für energieintensive Industrien

Strategische Integration geopolitischer Risiken in Wasserstoffstrategien für energieintensive Industrien
Strategische Integration geopolitischer Risiken in Wasserstoffstrategien für energieintensive Industrien

Berücksichtigung geopolitischer Risiken in Strategien für grünen Wasserstoff

Viele bestehende Wasserstoffstrategien für energieintensive Industrien unterschätzen die Bedeutung geopolitischer Unsicherheiten. Häufig basieren sie auf der Annahme stabiler Handelsbeziehungen und verlässlicher internationaler Partnerschaften – Voraussetzungen, die angesichts zunehmender Konflikte und Sanktionen immer fraglicher werden. Vor diesem Hintergrund empfehlen Forschende in einer aktuellen Studie in Nature Reviews Clean Technology, alternative Zukunftsszenarien verstärkt in politische und wirtschaftliche Planungen einzubeziehen.

Herausforderungen und Fragestellungen

Industriezweige mit hohem Energiebedarf, wie die Stahl- und Chemieproduktion, stehen unter erheblichem Druck, ihre CO₂-Emissionen zu reduzieren und setzen dabei verstärkt auf grünen Wasserstoff. Dabei stellt sich die Frage, ob sich die globalen Wertschöpfungsketten dadurch verändern werden: Wird die Produktion künftig dorthin verlagert, wo grüner Wasserstoff kostengünstig erzeugt werden kann, oder verbleibt sie in den bisherigen Industriezentren, die den Wasserstoff importieren?

Die Forschenden vom Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit (RIFS) am GFZ analysierten in ihrer Studie verschiedene Einflussfaktoren wie Transportinfrastruktur, Investitionsbedingungen und Industriepolitik unter unterschiedlichen geopolitischen Rahmenbedingungen. Dabei wurden drei Szenarien entwickelt und hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf Umwelt und globale Gerechtigkeit bewertet.

Analyse der Szenarien

  • Brennstoffumstellung: Dieses Szenario, das in Europa derzeit am häufigsten diskutiert wird, sieht vor, dass Wasserstoff in bestehende Industriezentren importiert und dort zur Umstellung der Produktion genutzt wird. Die globale Industriegeographie bleibt weitgehend unverändert. Allerdings setzt dieses Modell den Aufbau umfangreicher Transportinfrastrukturen voraus, stabile Handelsbeziehungen sowie die Annahme, dass produzierende Länder kein Interesse an einer weitergehenden lokalen Wertschöpfung entwickeln. Diese Voraussetzungen sind angesichts wachsender industriepolitischer Ambitionen und signifikanter Kostenunterschiede bei der Wasserstoffproduktion weltweit fraglich.
  • Standortverlagerung: Hierbei verlagern sich energieintensive Industrien in Regionen mit günstigen und reichlich vorhandenen erneuerbaren Energien, häufig in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen. Dies reduziert Transportwege, Kosten und Emissionen und eröffnet diesen Ländern Chancen zur industriellen Entwicklung. Gleichzeitig entstehen für etablierte Industrieregionen neue Herausforderungen hinsichtlich sozialer und wirtschaftlicher Umstrukturierungen. Die Studie weist darauf hin, dass viele Länder des Globalen Südens weiterhin auf externe Partnerschaften und Unterstützung angewiesen sein werden, um diese Potenziale zu realisieren.
  • Hybrid-Szenario: Dieses Modell kombiniert dezentrale Wasserstoffproduktion mit einer Weiterverarbeitung zu Zwischenprodukten wie Ammoniak oder direktreduziertem Eisen vor Ort. Diese Zwischenprodukte werden anschließend zu bestehenden Industriezentren transportiert, wo die Endprodukte hergestellt werden. Das Hybrid-Szenario ermöglicht einen Großteil der Kostenvorteile einer vollständigen Verlagerung, verteilt die Wertschöpfung jedoch auf mehrere Regionen und kann somit für sowohl produzierende als auch importierende Länder attraktiv sein.

Empfehlungen für Politik und Wirtschaft

Die Studie betont die Notwendigkeit, Wasserstoff- und Industriestrategien nicht ausschließlich auf stabile geopolitische Rahmenbedingungen zu stützen, sondern alternative Zukunftsszenarien explizit zu berücksichtigen. Für Länder, die stark von Importen abhängig sind, bedeutet dies, strategisch zu entscheiden, welche Industriezweige gefördert werden sollen, und Infrastrukturinvestitionen so zu planen, dass sie unter verschiedenen geopolitischen Entwicklungen tragfähig bleiben.

Für ressourcenreiche Länder des Globalen Südens ist es entscheidend, durch geeignete politische Rahmenbedingungen und regionale Kooperationen die Voraussetzungen zu schaffen, um von der Transformation zur Wasserstoffwirtschaft nachhaltig zu profitieren.


Kontakt für wissenschaftliche Rückfragen

Dr. Laima Eicke
E-Mail: laima.eicke@rifs-potsdam.de


Originalpublikation

Eicke, L., Goldthau, A., Quitzow, R. et al. (2026): Geoeconomic scenarios of renewable-hydrogen-based industrial production. Nature Reviews Clean Technology. https://doi.org/10.1038/s44359-026-00164-3