Cochrane Review: Pflegefachpersonal kann bestimmte Aufgaben im Krankenhaus von Ärzt*innen übernehmen



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12.02.2026 17:21

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Plötzlich gesund

Fortschreitende Naturerkenntnis, ganz allgemein gesprochen, ‚Wissenschaft‘, ist der stärkste Feind des medizinischen Wunders. Was unseren Vorfahren als Wunder erschien, was einfache Naturvölker heute noch in heftige Erregung versetzt, das berührt den zivilisierten Menschen längst nicht mehr.
Doch es gibt einen Gegensatz, der jedem Denkenden sofort auffällt: der unerhörte, durchaus nicht abgeschlossene Aufstieg der wissenschaftlichen Heilkunde und die ebenso unerhörte Zunahme der Laienbehandlung und der Kurpfuscherei. Man schätzt die Zahl der Menschen, die der Schulmedizin kein Vertrauen schenken, auf immerhin 50 Prozent.
Wie kann es sein, daß Laienbehandler und Kurpfuscher immer wieder spektakuläre Erfolge aufweisen, von denen die Sensationspresse berichtet?
Der Autor geht dieser Frage nach und kommt zu interessanten Erkenntnissen, aus denen er Vorschläge für eine bessere Krankenbehandlung durch seine ärztlichen Standesgenossen ableitet.

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Cochrane Review: Pflegefachpersonal kann bestimmte Aufgaben im Krankenhaus von Ärzt*innen übernehmen

Freiburg, 12.2.2026 – Welche Folgen hat es für die Patient*innen und die Versorgungskosten, wenn im Krankenhaus bestimmte Aufgaben oder Rollen von Ärzt*innen auf Pflegefachkräfte übertragen werden? Diese Frage hat ein jetzt veröffentlichter Cochrane Review untersucht. Die wesentlichen Ergebnisse – die sich allerdings nicht ohne Weiteres auf Deutschland übertragen lassen – im Überblick:

Wenn Pflegefachpersonen in einem klar bestimmten und beschränkten Umfang ärztliche Aufgaben übernehmen:

• unterscheidet sich die Sterblichkeit von Patient*innen wahrscheinlich kaum oder gar nicht. (Relatives Risiko: 1,03) Dieses Ergebnis basiert auf 19 Studien mit 8239 Teilnehmenden. (moderate Vertrauenswürdigkeit);

• macht das für die Patient*innen wahrscheinlich keinen oder kaum einen Unterschied für Lebensqualität und Selbstwirksamkeit – verglichen mit Patient*innen, um die sich Ärzt*innen kümmern. Für diese Ergebnisse wurden 22 Studien mit 5246 Teilnehmenden bzw. 11 Studien mit 3022 Teilnehmenden ausgewertet. (jeweils moderate Vertrauenswürdigkeit);

• gibt es möglicherweise kaum oder keinen Unterschied bei unerwünschten Ereignissen – wie etwa, dass Komplikationen nach Operationen nicht entdeckt werden oder eine Medikamentenanpassung zu stärkeren Nebenwirkungen führt. Für diese Ergebnisse wurden 31 Studien mit 14 437 Teilnehmenden ausgewertet. Allerdings ist die Evidenz unsicher (niedrige Vertrauenswürdigkeit);

• bleibt unklar, ob Geld gespart wird oder Mehrkosten entstehen. Direkte Kosten wurden in 36 Studien analysiert. In 17 dieser Studien sanken die Kosten, wenn ärztliche Aufgaben an Pflegefachkräfte übertragen wurden; in neun Studien stiegen die Kosten hingegen. Als mögliche Gründe für höhere Kosten wurden unter anderem längere Konsultationen, mehr Überweisungen oder Unterschiede im Verordnungsverhalten genannt.

Insgesamt haben die Cochrane-Autor*innen 82 randomisierte Studien mit insgesamt 28.041 Patient*innen in ihren Review eingeschlossen. Die Studien wurden in der stationären Versorgung oder in Ambulanzen von Krankenhäusern durchgeführt.
Sie untersuchten eine große Bandbreite unterschiedlicher Modelle, in denen Pflegefachpersonen ärztliche Aufgaben übernahmen – nämlich in verschiedenen Fachgebieten und Verantwortungsbereichen und mit unterschiedlichen Qualifikationsniveaus und Autonomiegraden der Pflegenden. So übernahmen Pflegefachkräfte etwa die Nachsorge bei Diabetes- und Rheumapatient*innen, um den Krankheitsverlauf zu kontrollieren oder die Medikamente anzupassen. In weiteren Studien übernahmen Pflegefachkräfte die Wundversorgung nach Operationen – und andere, speziell geschulte Pflegende führten beispielsweise Vorsorge-Darmspiegelungen durch.
Mehr als zwei Drittel der Studien wurden in europäischen Ländern durchgeführt, davon mehr als die Hälfte im Vereinigten Königreich. Keine der Studien wurde in Deutschland durchgeführt.

Timothy Schultz, Seniorautor des Reviews und Wissenschaftler am australischen „Flinders Health and Medical Research Institute“, erläutert: „Der Einsatz von Pflegefachpersonal statt Ärzt*innen ist kein einfacher Eins-zu-eins-Ersatz. Damit es in der Praxis gut funktioniert, sind die richtige Ausbildung, Unterstützung und geeignete Versorgungsmodelle erforderlich. Die Erfahrungen zeigen jedoch, dass Patient*innen dadurch nicht benachteiligt werden, sondern sogar davon profitieren können.“
Gerade angesichts von Personalmangel, langen Wartezeiten und steigendem Bedarf in der Gesundheitsversorgung, schreiben die Review-Autor*innen, könnte die Übertragung klar definierter ärztlicher Aufgaben an andere Berufsgruppen im Krankenhaus sinnvoll sein.

„Der Review liefert für solche Überlegungen Evidenz aus der internationalen Forschung. Aber er beantwortet nicht automatisch die Frage, ob sich solche Modelle in unserer deutschen Versorgungslandschaft bewähren würden“, ordnet Prof. Dr. Jörg Meerpohl, wissenschaftlicher Direktor von Cochrane Deutschland, ein. „Denn die Rolle von Pflegefachkräften im Vereinigten Königreich – dem Land, in dem die meisten eingeschlossenen Studien durchgeführt wurden – unterscheidet sich aktuell rechtlich und organisatorisch von den Rahmenbedingungen in Deutschland. Wir können diese sehr ermutigenden Ergebnisse des Reviews daher nicht pauschal und uneingeschränkt auf Deutschland übertragen. Eine Umsetzung entsprechender Maßnahmen in Deutschland sollte begleitend evaluiert werden, um lokale Hürden in Organisation, Zuständigkeiten und Qualifikationswegen früh zu identifizieren und Patient*innensicherheit sowie Versorgungsqualität verlässlich abzusichern.“

Zum Hintergrund:
In Deutschland war die Übernahme ärztlicher Tätigkeiten durch Pflegefachpersonen bis Ende 2025 nur durch ärztliche Delegation möglich und auf zeitlich befristete Modellvorhaben begrenzt. Seit dem 1. Januar 2026 gilt jedoch das „Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege“: Damit dürfen Pflegefachpersonen bei nachgewiesenen Kompetenzen klar definierte Leistungen im stationären und ambulanten Versorgungskontext eigenverantwortlich erbringen.

Über Cochrane Deutschland:
Cochrane Deutschland mit Sitz in Freiburg ist Teil der internationalen, gemeinnützigen Cochrane Collaboration. Dieses Netzwerk unabhängiger Wissenschaftler*innen erstellt systematische Übersichtsarbeiten zu verschiedensten medizinischen und gesundheitlichen Fragen – die so genannten Cochrane Reviews. Darin fassen die Forschenden die weltweite Studienlage transparent zusammen und bewerten deren Qualität. Ziel ist es, dadurch eine evidenzbasierte, verlässliche Grundlage für medizinische und gesundheitspolitische Entscheidungen zu schaffen. Seit seiner Gründung 1993 hat das Netzwerk bereits etwa 9500 Cochrane Reviews veröffentlicht. Cochrane Deutschland übersetzt besonders relevante Reviews aus dem Englischen ins Deutsche und macht sie so der Öffentlichkeit hierzulande leichter zugänglich.


Originalpublikation:

Butler M, Kirwan M, Mc Carthy VJC, Cole JA, Schultz TJ. Substitution of nurses for physicians in the hospital setting for patient, process of care, and economic outcomes. Cochrane Database of Systematic Reviews 2026, Issue 2. Art. No.: CD013616. DOI: 10.1002/14651858.CD013616.pub2.

https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD013616.pub2/full


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Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Wissenschaftler, jedermann
Ernährung / Gesundheit / Pflege, Medizin
überregional
Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
Deutsch


 

Quelle: IDW