
Einfluss politischer Äußerungen auf die Abholzung des Amazonas-Regenwaldes
Eine internationale Untersuchung unter Leitung der Universität Bonn belegt, dass Aussagen des ehemaligen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro und seiner Minister den Rückgang des Amazonas-Regenwaldes beschleunigt haben. Insbesondere Tweets mit anti-umweltfreundlichen Botschaften korrelierten mit einer erhöhten Entwaldungsrate. Die Studie zeigt, dass bereits ein gering wahrgenommenes Risiko von Sanktionen ein wesentlicher Faktor für die Abholzung darstellte. Schätzungen zufolge führte die Wirkung dieser Äußerungen zur Zerstörung von bis zu 1.700 Quadratkilometern Waldfläche – etwa doppelt so groß wie die Fläche Berlins. Die Ergebnisse wurden im „The Journal of Politics“ veröffentlicht.
Politische Kommunikation als Einflussfaktor auf Gesetzestreue
Die Studie untersucht, inwieweit politische Führungspersonen durch ihre Aussagen das Verhalten der Bevölkerung hinsichtlich der Einhaltung von Umweltgesetzen beeinflussen können. Brasilien, Heimat des größten Amazonasgebietes, wählte 2018 Jair Bolsonaro zum Präsidenten. In den ersten Monaten seiner Amtszeit äußerten er und seine Minister mehrfach negative Positionen zum Schutz des Regenwaldes.
Dr. Gustavo Magalhães de Oliveira erläutert: „Wir werteten Daten der ‚MapBiomas Alerta‘-Initiative aus, die Entwaldungswarnungen landesweit verifizieren. Zusätzlich analysierten wir über 3.600 Twitter-Beiträge von Bolsonaro und den Ministern für Landwirtschaft, Umwelt sowie Außenpolitik aus dem Jahr 2019.“ Dabei wurden 38 Tweets identifiziert, die ein geringeres Risiko von Strafverfolgung bei Umweltverstößen signalisierten.
Zusammenhang zwischen Reichweite der Botschaften und Abholzung
Die Wirkung politischer Botschaften hängt maßgeblich von deren Reichweite ab. Die Forscher schätzten die Twitter-Aktivität in 578 Gemeinden des Amazonasgebiets, indem sie die Anzahl waldbezogener Tweets der Jahre 2015 bis 2018 analysierten. Ein höheres Twitter-Aufkommen deutet darauf hin, dass Regierungsbotschaften dort eher wahrgenommen werden.
„Wir gehen davon aus, dass solche Nachrichten über Mundpropaganda weiterverbreitet werden“, so Dr. Oliveira. „Sowohl Befürworter als auch Kritiker teilen die Inhalte, wodurch sie letztlich auch die Entscheidungsträger vor Ort erreichen und als politisches Signal verstanden werden.“ Die Analyse zeigte, dass in Regionen mit hoher Exposition gegenüber diesen Botschaften die Abholzungsraten in den Monaten mit entsprechenden Tweets signifikant anstiegen. Ähnliche Muster fanden sich auch bei der Auswertung anderer Medienformen wie Fernsehnachrichten.
Wirtschaftliche Anreize als Verstärker des Effekts
Die Untersuchung ergab, dass die politischen Äußerungen keinen direkten Einfluss auf kommunale Umweltstrafen oder Abholzungsverbote hatten. „Die Botschaften veränderten die Erwartungen der Bevölkerung hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit, bei Gesetzesverstößen bestraft zu werden“, erklärt Oliveira. Somit ist der Effekt nicht auf eine veränderte Durchsetzung der Gesetze zurückzuführen.
Der Einfluss der Regierungsbotschaften war besonders in Gemeinden mit hohen landwirtschaftlichen Erträgen und strenger Naturschutzpolitik in der Vergangenheit ausgeprägt. In Regionen mit starker politischer Unterstützung für Bolsonaro zeigte sich dieser Effekt weniger deutlich. Die Forscher schätzen, dass allein 2019 zwischen 190 und 1.700 Quadratkilometer Wald durch die Wirkung der Aussagen zerstört wurden.
Schlussfolgerungen und weiterführende Bedeutung
Die Studie liefert empirische Belege für die Macht politischer Kommunikation, insbesondere wenn sie von einflussreichen Persönlichkeiten stammt. Die Auswirkungen könnten über das Thema Waldschutz und den brasilianischen Amazonas hinaus relevant sein.
Beteiligte Institutionen und Finanzierung
- Universität Bonn
- University of Texas at Dallas (USA)
- Wageningen University (Niederlande)
Die Forschung wurde unterstützt durch das „Bonn SDG Fellowship Programm“ der Universität Bonn, das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) im Rahmen der Exzellenzstrategie sowie das EU-Förderprogramm „Horizon“. Dr. Gustavo Magalhães de Oliveira und Prof. Dr. Jan Börner sind Mitglieder des Transdisziplinären Forschungsbereichs „Sustainable Futures“. Das Exzellenzcluster PhenoRob der Universität Bonn unterstützte das Projekt.
Kontaktinformationen
Dr. Gustavo Magalhães de Oliveira
Institut für Lebensmittel- und Ressourcenökonomie (ILR)
Universität Bonn
Telefon: +49 228 73-2577
E-Mail: gusmoliv@uni-bonn.de
Originalpublikation
Gustavo Magalhães de Oliveira, Elías Cisneros, Jorge Sellare, Jan Börner: Anti-Environmental Signals and Deforestation: Evidence from Brazil, The Journal of Politics, DOI: https://doi.org/10.1086/744065

