
Marine Hitzewellen in der Arktis: Aktueller Forschungsstand
Marine Hitzewellen stellen eine zunehmende Belastung für die Ozeane und deren Ökosysteme dar. Durch die fortschreitende Erderwärmung treten diese Ereignisse häufiger auf und verlängern sich zeitlich. Auch in der Arktis, die sich schneller erwärmt als jede andere Region der Erde, sind marine Hitzewellen präsent. Aufgrund spezifischer lokaler Bedingungen unterscheiden sich diese jedoch grundlegend von Hitzewellen in anderen Meeresgebieten. Eine aktuelle Studie des Alfred-Wegener-Instituts fasst die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte zusammen und beleuchtet die zugrundeliegenden Mechanismen.
Definition und Entwicklung mariner Hitzewellen
Marine Hitzewellen sind durch mindestens fünf Tage anhaltende, überdurchschnittlich hohe Meerestemperaturen gekennzeichnet. Ursachen können warme Luftmassen, intensive Sonneneinstrahlung oder das Einströmen warmer Wasserströmungen sein. Dr. Marylou Athanase vom Alfred-Wegener-Institut weist darauf hin, dass die Häufigkeit solcher Ereignisse in der Arktis in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen hat. Obwohl die globale Forschung zu marinen Hitzewellen zunimmt, sind detaillierte Untersuchungen in der Arktis noch selten. Es fehlt an umfassenden Bewertungen hinsichtlich Eigenschaften, Ursachen und Auswirkungen dieser Ereignisse sowie deren Wechselwirkungen.
Schon geringfügige Temperaturerhöhungen in der Arktis können erhebliche Auswirkungen auf das empfindliche Ökosystem und möglicherweise auch auf das globale Klimasystem haben. Seit den 1980er Jahren haben Dauer, Intensität und Häufigkeit arktischer Hitzewellen signifikant zugenommen. Die Oberflächentemperaturen können dabei bis zu 4 Grad Celsius über dem saisonalen Mittel liegen.
Regionale Besonderheiten und Messungen
- Randmeere der Arktis gelten als Hotspots für marine Hitzewellen, mit einer Zunahme der Oberflächentemperaturen um bis zu 0,6 Grad pro Jahrzehnt.
- Die Häufigkeit dieser Ereignisse liegt hier etwa doppelt so hoch wie im globalen Durchschnitt, mit 1 bis 3 Hitzewellen pro Jahr in den arktischen Sektoren.
- Unterhalb der Oberfläche (50 bis 500 Meter) sind Hitzewellen ähnlich intensiv oder sogar stärker ausgeprägt.
- Am Meeresboden zeigen sich kaum Veränderungen in Häufigkeit oder Intensität, teilweise sogar Rückgänge.
- Die Dauer der Hitzewellen in der Arktis steigt besonders stark an und variiert je nach Region zwischen 10 und 40 Tagen.
- Ein Rekordereignis in der Barentssee im Jahr 2016 dauerte über 480 Tage mit Temperaturen etwa 1 Grad Celsius über dem Durchschnitt an Oberfläche und Meeresboden.
Ursachen für marine Hitzewellen in der Arktis
Die arktischen Hitzewellen werden von speziellen Klimaprozessen beeinflusst, die in niedrigeren Breitengraden nicht vorkommen. Dazu zählen das Vorhandensein von Meereis, veränderte Wärmeflüsse zwischen Atmosphäre und Ozean sowie die Speicherung von Wärme in tieferen Wasserschichten. Dr. Athanase nennt zwei wesentliche Faktoren, die das Auftreten verstärken:
- Die allgemeine Erwärmung des Ozeans.
- Der Rückgang des Meereises, der die Aufnahme von Sonnenstrahlung durch die Meeresoberfläche erhöht und die Eis-Albedo-Rückkopplung verstärkt.
Beispielsweise nahm der Arktische Ozean während der Hitzewellen 2007 und 2020 aufgrund der stark reduzierten Eisbedeckung fast doppelt so viel Sonnenenergie auf wie üblich im Sommer.
Ein weiterer Effekt entsteht durch das Schmelzwasser des Eises, das als dünne, süße Wasserschicht auf dem salzhaltigen Ozean schwimmt. Diese Schicht erwärmt sich leichter und trägt dazu bei, marine Hitzewellen an der Oberfläche zu verlängern und zu verstärken. Modellrechnungen gehen von einer Verlängerung und Verstärkung um durchschnittlich 20 Prozent aus.
Im Gegensatz zu anderen Ozeanen kann in der Arktis auch Wärme aus tieferen Wasserschichten an die Oberfläche gelangen. Warmes Atlantikwasser zirkuliert in tieferen Schichten, und Stürme im Herbst oder Winter können diese Wärme nach oben transportieren. Etwa 20 Prozent der marinen Hitzewellen an der Oberfläche werden auf diesen Mechanismus zurückgeführt.
Einfluss der Bewölkung
Die Bewölkung spielt ebenfalls eine Rolle bei der Entstehung mariner Hitzewellen. In nicht-polaren Regionen führt eine geringere Wolkendecke zu erhöhter Sonneneinstrahlung und somit zu einer Verstärkung der Hitzewellen. In der Arktis hingegen bewirken höhere Temperaturen und größere eisfreie Flächen eine stärkere Verdunstung und damit eine Zunahme der Bewölkung. Diese reduziert zwar die Sonneneinstrahlung, jedoch gleichen zwei Effekte diesen Kühleffekt teilweise aus:
- Die dunkle, eisfreie Meeresoberfläche absorbiert mehr Sonnenenergie.
- Die bewölkte Atmosphäre strahlt mehr Wärme zurück zur Oberfläche.
Die jüngsten Zunahmen sommerlicher und herbstlicher Hitzewellen korrelieren mit moderaten Anstiegen der Wolkenbedeckung. Ob die Sonneneinstrahlung oder die Bewölkung den größeren Einfluss auf die Entstehung arktischer Hitzewellen hat, bleibt derzeit offen.
Ausblick und Forschungsbedarf
Prognosen im Kontext der globalen Erwärmung gehen davon aus, dass die Arktis künftig eine der Regionen mit den stärksten Zunahmen bei Häufigkeit und Intensität mariner Hitzewellen sein wird. Gleichzeitig besteht ein Mangel an Studien, die speziell auf die polaren Bedingungen zugeschnitten sind. Die aktuelle Untersuchung ergänzt das globale Verständnis mariner Hitzewellen um die arktische Perspektive, gerade in einer Zeit, in der sich diese Region besonders schnell verändert.
Kontakt für wissenschaftliche Rückfragen
Dr. Marylou Athanase
Telefon: +49 (0)471 4831 1683
E-Mail: marylou.athanase@awi.de
Referenz der Originalpublikation
Athanase, M., Gou, R., Köhn, E.E. et al. (2026): Polar processes set Arctic marine heatwaves apart. Communications Earth & Environment, 7, 485.
https://doi.org/10.1038/s43247-026-03735-1
Weiterführende Informationen
Studie in Communications Earth & Environment
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