Behandlungsgespräche: Shared-Decision-Making-Maßnahmen helfen

Behandlungsgespräche: Shared-Decision-Making-Maßnahmen helfen



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20.06.2024 16:12

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Plötzlich gesund

Fortschreitende Naturerkenntnis, ganz allgemein gesprochen, ‘Wissenschaft’, ist der stärkste Feind des medizinischen Wunders. Was unseren Vorfahren als Wunder erschien, was einfache Naturvölker heute noch in heftige Erregung versetzt, das berührt den zivilisierten Menschen längst nicht mehr.
Doch es gibt einen Gegensatz, der jedem Denkenden sofort auffällt: der unerhörte, durchaus nicht abgeschlossene Aufstieg der wissenschaftlichen Heilkunde und die ebenso unerhörte Zunahme der Laienbehandlung und der Kurpfuscherei. Man schätzt die Zahl der Menschen, die der Schulmedizin kein Vertrauen schenken, auf immerhin 50 Prozent.
Wie kann es sein, daß Laienbehandler und Kurpfuscher immer wieder spektakuläre Erfolge aufweisen, von denen die Sensationspresse berichtet?
Der Autor geht dieser Frage nach und kommt zu interessanten Erkenntnissen, aus denen er Vorschläge für eine bessere Krankenbehandlung durch seine ärztlichen Standesgenossen ableitet.

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Behandlungsgespräche: Shared-Decision-Making-Maßnahmen helfen

Behandlungsgespräche: Shared-Decision-Making-Maßnahmen helfen
Ein ThemenCheck-Bericht zeigt: Vor allem Entscheidungshilfen können die gemeinsame Entscheidungsfindung von Patientin oder Patient und Ärztin oder Arzt unterstützen. Gesundheitliche Vor- oder Nachteile bleiben dagegen offen.

Führen Maßnahmen zur Unterstützung einer gemeinsamen Entscheidungsfindung von Patientin oder Patient und Ärztin oder Arzt in Gesprächen über Screeningverfahren, Diagnose und Therapiewahl zu besseren Ergebnissen? Diese Frage hat ein interdisziplinäres Forschungsteam unter Leitung von DARUM Marion Danner & Anne Rummer GbR in Köln im Rahmen des IQWiG-ThemenCheck Medizin untersucht. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werteten sieben systematische Übersichten aus, in die rund 250 Einzelstudien eingeschlossen waren. In drei Übersichten lag der Fokus auf Entscheidungshilfen für Patientinnen und Patienten, in den vier anderen wurden verschiedene weitere Maßnahmen für eine gemeinsame Entscheidungsfindung betrachtet.

Kommunikation auf Augenhöhe

In Deutschland und anderen Ländern gelten ethische und rechtliche Regeln, nach denen Patientinnen und Patienten bei medizinischen Fragen ausführlich aufgeklärt werden müssen. Diese Gespräche sollen so stattfinden, dass sie eine gemeinsame Entscheidungsfindung ermöglichen: Damit ist gemeint, dass Patientinnen oder Patienten und Ärztinnen oder Ärzte auf Augenhöhe miteinander sprechen und sich gemeinsam für oder gegen eine bestimmte Behandlung entscheiden. Oft wird auch in Deutschland dafür der englische Begriff „Shared Decision Making“ (SDM) verwendet. Verschiedene Maßnahmen sollen die gemeinsame Entscheidungsfindung gezielt unterstützen.
Im Rahmen des ThemenCheck Medizin wollte eine Bürgerin unter anderem wissen, ob eine gemeinsame Entscheidungsfindung Einfluss auf das Behandlungsergebnis und die Patientenzufriedenheit haben kann. Im Auftrag des IQWiG untersuchte das Forschungsteam unter Leitung von DARUM daher einerseits, welche Vor- oder Nachteile SDM-Maßnahmen für den Entscheidungsprozess haben – beispielsweise, wie zufrieden Patientinnen und Patienten mit dem Arztgespräch oder der getroffenen Entscheidung sind. Andererseits analysierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die gesundheitlichen Vor- oder Nachteile für Patientinnen und Patienten, zum Beispiel im Hinblick auf die Krankheitsbeschwerden oder Lebensqualität. Dazu wurde nach Studien zu solchen Maßnahmen bei der Behandlung von Erwachsenen gesucht – egal mit welcher Erkrankung.

Vor allem Entscheidungshilfen haben Vorteile für den Entscheidungsprozess

Für die SDM-Maßnahme „Entscheidungshilfen“ zeigten sich im Vergleich zu einer Standardversorgung für sechs von 17 untersuchten SDM-bezogenen Aspekten Vorteile. So führten Entscheidungshilfen zum Beispiel dazu, dass die Patientinnen und Patienten stärker eingebunden waren, mehr Wissen über ihre Erkrankung und die Therapiemöglichkeiten hatten, Risiken besser einschätzen konnten und mehr Vertrauen in ihre Entscheidung hatten. Die SDM-Maßnahme „Decision Coaching plus evidenzbasierte Information“ führte im Vergleich zu einer Standardversorgung zwar zu mehr Wissen bei den Betroffenen, hatte aber auf andere Aspekte keinen positiven Einfluss. Bei weiteren untersuchten Maßnahmen wurden keine Vor- oder Nachteile festgestellt; zum Teil gab es auch zu wenig Daten.
Zu den Auswirkungen der SDM-Maßnahmen auf die Gesundheit enthielten die in die systematischen Übersichten eingeschlossenen Einzelstudien deutlich weniger Daten. Zudem wurde die Qualität der meisten Studien als gering bewertet. Insgesamt gibt es daher keinen Nachweis für einen positiven oder negativen Einfluss von SDM-Maßnahmen auf gesundheitsbezogene Aspekte.
Die Kosten für die Entwicklung und Bereitstellung von SDM-Maßnahmen weisen eine breite Spanne auf. In einzelnen Krankheitsbildern wie Brustkrebs oder Gicht schien die jeweilige SDM-Maßnahme kostenwirksam zu sein; allgemeingültige Aussagen zur Kostenwirksamkeit wurden auf dieser Basis allerdings nicht getroffen. Zur Frage, ob SDM-Maßnahmen Unter-, Über- oder Fehlversorgung verringern und dadurch die Effizienz im Gesundheitssystem erhöhen könnten, betont das Team, dass SDM-Maßnahmen nicht als Steuerungsinstrument angelegt seien.

Es braucht einheitliche Instrumente und gute Studien

Die ausgewerteten Daten zeigen, dass Entscheidungshilfen die gemeinsame Entscheidungsfindung unterstützen können. Damit die Daten zu den Wirkungen von SDM-Maßnahmen auf SDM- und auch auf gesundheitsbezogene Aspekte in Zukunft noch besser zusammengefasst und interpretiert werden können, braucht es zum einen ein einheitliches Set an zu untersuchenden Aspekten und Instrumenten zu deren Messung – und zum anderen aussagekräftige Studien zu weiteren SDM-Maßnahmen neben Entscheidungshilfen.

Entscheidungshilfen auf www.gesundheitsinformation.de

Das IQWiG hat bereits zu einer Reihe von Fragen passende Entscheidungshilfen in verschiedenen Formaten entwickelt und auf seiner Website www.gesundheitsinformation.de veröffentlicht. Zu den behandelten Themen zählen unter anderem:
Diabetisches Fußsyndrom: Lässt sich eine Amputation vermeiden?
Endometriose: Welche Behandlungsmöglichkeiten habe ich?
Mandelentzündung bei Kindern: Sollen die Gaumenmandeln operiert werden?
Das Angebot wird stetig ausgebaut. Das Informationsmaterial kann kostenfrei als PDF heruntergeladen werden.

Der ThemenCheck Medizin

Interessierte können im Rahmen des ThemenCheck Medizin Vorschläge für die Bewertung von medizinischen Verfahren und Technologien einreichen. In einem zweistufigen Auswahlverfahren, an dem auch Bürgerinnen und Bürger beteiligt sind, werden aus den eingereichten Vorschlägen pro Jahr bis zu fünf neue Themen ausgewählt. Laut gesetzlichem Auftrag sollen dies Themen sein, die für die Versorgung von Patientinnen und Patienten von besonderer Bedeutung sind. Die ThemenCheck-Berichte werden nicht vom IQWiG selbst verfasst, sondern von externen Sachverständigen. Deren Bewertung wird gemeinsam mit einer allgemein verständlichen Kurzfassung und einem IQWiG-Herausgeberkommentar veröffentlicht.
Die vorläufigen Ergebnisse des Berichts „Behandlungsgespräche: Führt eine gemeinsame Entscheidungsfindung von Arzt und Patient bei der Therapiewahl zu besseren Ergebnissen?“ hatte das Institut im September 2023 als vorläufigen ThemenCheck-Bericht veröffentlicht und zur Diskussion gestellt. Nach Ende des Stellungnahmeverfahrens wurde der Bericht überarbeitet und jetzt in seiner finalen Fassung veröffentlicht.


Originalpublikation:

https://www.iqwig.de/sich-einbringen/themencheck-medizin/berichte/ht22-01.html


Weitere Informationen:

https://www.iqwig.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilungen-detailseite_12…


Bilder


Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Wissenschaftler
Medizin
überregional
Forschungsergebnisse
Deutsch


 

Quelle: IDW