
Erfahrungen statt Flugfertigkeiten bestimmen Auszug junger Steinadler aus dem elterlichen Revier
Junge Steinadler in den Alpen erwerben in den ersten Lebensmonaten wichtige Fähigkeiten, um sich zwischen den Bergen zu orientieren und thermische Aufwinde zum Höhengewinn zu nutzen. Diese Kompetenzen sind grundlegend für ihr Überleben. Eine aktuelle Untersuchung mit 92 mit GPS-Sendern ausgestatteten Jungadlern zeigt jedoch, dass weder die Geschwindigkeit des Erlernens noch die Fluggeschicklichkeit den Zeitpunkt ihres endgültigen Verlassens des elterlichen Reviers maßgeblich beeinflussen.
Studie veröffentlicht in „Royal Society Open Science“
Entgegen früherer Annahmen, wonach junge Adler ihr Elternrevier verlassen, sobald sie ausreichend flugfähig sind, ergab die Langzeitstudie, dass das Flugvermögen kaum mit dem Zeitpunkt der Abwanderung korreliert. Die mit GPS-Sendern ausgestatteten Jungadler erreichten bereits wenige Monate nach dem Flüggewerden eine Flugfertigkeit vergleichbar mit erwachsenen Tieren. Dennoch blieben viele von ihnen bis zu einem Jahr im Revier ihrer Eltern. „Die Fähigkeit, selbstständig zu überleben, und die tatsächliche Entscheidung, das Elternrevier zu verlassen, sind offensichtlich zwei unterschiedliche Prozesse“, erklärt Dr. Hester Brønnvik vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung.
Methodik und Ergebnisse der GPS-gestützten Fluganalyse
- Die Untersuchung erfolgte zwischen 2019 und 2024 in den Alpen, wobei die Bewegungen der Jungadler ab etwa 50 Tagen Alter bis zum endgültigen Auszug verfolgt wurden.
- Die ersten Ausflüge außerhalb des elterlichen Reviers erfolgten meist innerhalb von drei Monaten nach der Besenderung mit Strecken von bis zu 77 Kilometern.
- Trotz dieser Flugaktivitäten verließen viele Adler das Elternrevier erst nach mehreren Monaten, häufig erst nach dem Winter.
- Die GPS-Daten mit einer Auflösung von einem Standort pro Sekunde ermöglichten eine detaillierte Rekonstruktion der Flugmanöver, wie das Kreisen in Thermiken und das Steigen in unterschiedlichen Windverhältnissen.
- Es zeigte sich, dass die Beherrschung dieser Flugtechniken nicht vorhersagte, wann die Adler das Revier verließen.
Entscheidende Faktoren für den Auszug
Statt der Flugfertigkeiten erwiesen sich die tägliche Flugdistanz und die erreichte Flughöhe bei Ausflügen als verlässliche Indikatoren für die bevorstehende Abwanderung. Jungadler, die größere Entfernungen zurücklegten und höhere Fluglagen erreichten, begannen früher mit Erkundungsflügen und verließen das elterliche Revier eher. Diese Bewegungen spiegeln offenbar eine Kombination aus Motivation, Konkurrenzdruck, Nahrungsverfügbarkeit und Wetterbedingungen wider, welche die Entscheidung zum Auszug beeinflussen.
Ökologische und soziale Hintergründe
Die untersuchte Alpenpopulation ist nahezu vollständig besetzt, wodurch kaum freie Reviere verfügbar sind. Dies könnte erklären, warum viele Jungadler trotz ausreichender Flugfähigkeiten im Elternrevier verbleiben, um nicht in eine stark konkurrenzbetonte Umgebung einzutreten. Der Verbleib im vertrauten Gebiet bietet die Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln und Fähigkeiten weiter zu verbessern, bevor sie sich in ein neues Territorium begeben.
Vergleichbare Beobachtungen bei anderen Arten
Ähnliche Muster wurden bei Geradschnabelkrähen beobachtet, die ihre Eltern erst lange nach dem Erlernen komplexer Fähigkeiten verlassen. „Unabhängigkeit bedeutet nicht zwangsläufig, dass ein Tier sein Zuhause sofort nach Erreichen der Überlebensfähigkeit verlässt“, erläutert Dr. Kamran Safi vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie. Der Verbleib im elterlichen Revier kann strategisch sein, um Überlebenschancen zu erhöhen und sich auf die Übernahme eines eigenen Reviers vorzubereiten.
Ausblick und weitere Forschung
Die Studie liefert wichtige Erkenntnisse zur Entscheidungsfindung bei Tieren in Bezug auf Lebensphasenübergänge und Ressourcennutzung. Dr. Hester Brønnvik forscht im Rahmen der GAIA-Initiative weiter daran, wie Umweltbedingungen und soziale Faktoren das Verhalten von Tieren beeinflussen. Der Fokus liegt dabei auf gefährdeten afrikanischen Geierarten und deren Ökosystemleistungen. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert und verfolgt das Ziel, tierische Sinnesleistungen mit menschlichem Wissen zu verknüpfen, um Fortschritte im Artenschutz zu erzielen.
Förderung und Unterstützung
- Elham Nourani wurde durch das PRIME-Programm des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert.
- Hester Brønnvik erhielt Unterstützung von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).
- Die Forschungsarbeit wurde zudem durch die DFG im Rahmen der Exzellenzstrategie sowie durch den Schweizerischen Nationalfonds unterstützt.
Kontaktinformationen der Wissenschaftler
- Dr. Hester Brønnvik
Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW)
Abteilung für Evolutionäre Ökologie
Telefon: +49(0)30 5168735
E-Mail: bronnvik@izw-berlin.de - Dr. Elham Nourani
Assistenzprofessorin, Fachbereich Ökologie und Evolution, Universität Lausanne
Telefon: +41(0)21 6924105
E-Mail: elham.nourani@unil.ch - Dr. Kamran Safi
Gruppenleiter Tier-Umwelt Interaktionen, Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie
Telefon: +49 7531 945 05 25
E-Mail: ksafi@ab.mpg.de
Originalpublikation
Brønnvik H, Scacco M, Chimento M, Bassi E, Fiedler W, Hatz JS, Sumasgutner P, Tschumi M, Wikelski M, Zimmermann S, Safi K, Nourani E (2026): Decoupling of emigration timing and skill acquisition in a saturated population of golden eagles. R. Soc. Open Sci. (2026) 13 (8): rsos251574. DOI: 10.1098/rsos.251574


