

Globale Bedrohung von Arten und Sprachen durch europäische Kolonialgeschichte
Inselregionen besonders stark betroffen
Die Vielfalt biologischer Arten und menschlicher Sprachen ist seit jeher durch menschliches Handeln beeinflusst. Ein internationales Forscherteam unter Leitung der Universität Wien hat den Zusammenhang zwischen der Gefährdung von Tierarten und Sprachen analysiert. Dabei wurde der europäische Kolonialismus als zentraler gemeinsamer Einflussfaktor identifiziert. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal People and Nature veröffentlicht.
Weltweit sind etwa eine Million Arten sowie nahezu die Hälfte aller Sprachen vom Aussterben bedroht. Die Wissenschaftler erfassten die Anzahl gefährdeter Tierarten und Sprachen länderübergreifend und ermittelten Regionen mit besonders hoher Gefährdung beider Bereiche. Im Anschluss wurden historische und gegenwärtige Einflussfaktoren auf diese Muster untersucht.
Regionale Schwerpunkte der Gefährdung
Die sogenannten Hotspots der biokulturellen Vielfalt, also Gebiete mit gleichzeitig hoher Bedrohung von Arten und Sprachen, liegen vor allem auf Inseln in Ozeanien und Ostasien, beispielsweise in Neuseeland, Japan und Taiwan. Gefährdete Tierarten finden sich zudem auf weiteren (sub-)tropischen Inselstaaten wie Madagaskar, Haiti und Mauritius. Die Bedrohung von Sprachen konzentriert sich hingegen stärker auf Regionen in Amerika, dem südlichen Afrika und Australien.
Europäischer Kolonialismus als zentraler Einfluss
Obwohl die Hotspots der Bedrohung geografisch variieren, zeigt die Analyse eine signifikante Gemeinsamkeit: Der europäische Kolonialismus hat nachhaltige Auswirkungen auf den Rückgang sowohl biologischer als auch sprachlicher Vielfalt. Laut Bernd Lenzner, Biodiversitätsforscher und Leiter der Studie, weisen Gebiete mit früherer kolonialer Besetzung die stärkste Gefährdung auf. Je länger die koloniale Herrschaft dauerte, desto ausgeprägter ist dieser Effekt.
Die koloniale Vergangenheit führte zu tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen, darunter die Einführung invasiver Arten, die Verbreitung eingeschleppter Krankheiten sowie gewaltsame Konflikte mit indigenen Gemeinschaften.
Besondere Vulnerabilität von Inselregionen
Sprachwissenschaftler Hannes Fellner betont, dass Inseln eine erhöhte Anfälligkeit für den Verlust von Arten und Sprachen aufweisen. Die geringe Größe der Inseln führt dazu, dass Populationen und Sprachgemeinschaften besonders empfindlich gegenüber Störungen sind. Invasive Arten und Habitatverlust beeinträchtigen Artenpopulationen, während Sprachgemeinschaften oft klein sind und durch Abwanderung jüngerer Generationen zusätzlichen Druck erfahren.
Relevanz der Ergebnisse im Kontext der Globalisierung
Die Studie verdeutlicht die Bedeutung historischer Einflüsse auf gegenwärtige Muster der Biodiversitäts- und Sprachgefährdung. Bernd Lenzner hebt hervor, dass das koloniale Erbe weiterhin Natur- und Kulturlandschaften prägt. Hannes Fellner ergänzt, dass diese Erkenntnisse angesichts der fortschreitenden Globalisierung besonders relevant sind, da ähnliche oder intensivere Eingriffe in Kultur- und Umweltsysteme langfristige und bislang schwer abschätzbare Folgen haben können.
Zusammenfassung der zentralen Erkenntnisse
- Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Universität Wien identifizierte globale Hotspots der Bedrohung von Arten und Sprachen.
- Diese Hotspots liegen vor allem auf Inseln in Ozeanien und Ostasien, etwa in Neuseeland, Japan und Taiwan.
- Tiergefährdung konzentriert sich zusätzlich auf (sub-)tropische Inselstaaten wie Madagaskar, Haiti und Mauritius, Sprachgefährdung dagegen auf Amerika, südliches Afrika und Australien.
- Der europäische Kolonialismus stellt einen gemeinsamen Schlüsselfaktor für die Gefährdung von biologischer und sprachlicher Vielfalt dar.
- Die Dauer der kolonialen Besetzung korreliert mit dem Ausmaß der Bedrohung.
Informationen zur Universität Wien
Die Universität Wien blickt auf eine über 650-jährige Geschichte in Bildung, Forschung und Innovation zurück. Sie zählt zu den weltweit führenden Hochschulen und ist mit über 180 Studiengängen sowie mehr als 10.000 Mitarbeitenden einer der größten Wissenschaftsstandorte Europas. Interdisziplinäre Zusammenarbeit ermöglicht hier Spitzenforschung zur Bewältigung aktueller und zukünftiger Herausforderungen.
Forschungsverbund Umwelt und Klima an der Universität Wien
Bernd Lenzner ist Senior Scientist am Department für Botanik und Biodiversitätsforschung sowie Mitglied des interdisziplinären Forschungsverbunds Umwelt und Klima (https://ech.univie.ac.at/de/). Dieser Verbund vereint Forschende verschiedener Fachrichtungen, um wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, die Lösungen für Probleme wie Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Umweltverschmutzung ermöglichen.
Kontaktinformationen der wissenschaftlichen Ansprechpartner
Bernd Lenzner, BSc MSc PhD
Department für Botanik und Biodiversitätsforschung
Universität Wien
1030 Wien, Rennweg 14
E-Mail: bernd.lenzner@univie.ac.at
Univ.-Prof. Mag. Hannes Fellner, M.A. PhD
Institut für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft
Universität Wien
1090 Wien, Josef-Holaubek-Platz 2 (UZA II)
Telefon: +43-1-4277-43066
E-Mail: hannes.fellner@univie.ac.at
Originalpublikation
Lenzner B, Baumann A, Norder S, Essl F, Fellner H (2026): Legacy effects of European colonialism on hotspots of biocultural diversity threat. People and Nature.
DOI: 10.1002/pan3.70308
https://besjournals.onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/pan3.70308




