
Analyse gerechter Klimapolitik: Ergebnisse für 88 Länder mit fünf Milliarden Menschen
Eine aktuelle Untersuchung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) liefert erstmals umfassende Daten zur CO₂-Intensität des privaten Konsums in 88 Ländern. Die Studie untersucht die Verteilungseffekte von Klimaschutzmaßnahmen, die eine Verteuerung von CO₂ verursachen. Dabei zeigt sich, dass die größten Unterschiede nicht zwischen Arm und Reich, sondern innerhalb der Einkommensgruppen bestehen. Wesentliche Einflussfaktoren sind unter anderem der Besitz von Fahrzeugen, der Wohnort sowie die Art der Energienutzung. Die Ergebnisse bieten eine Grundlage, um Klimaschutz sozial ausgewogen zu gestalten. Die Studie wurde im Journal of Environmental Economics and Management (JEEM) veröffentlicht und ist durch einen interaktiven CO₂-Preis-Rechner online zugänglich.
Herausforderungen bei der sozialen Verteilung von Klimakosten
Leonard Missbach, Forscher am PIK und Hauptautor der Studie, erläutert: „Viele Regierungen weltweit sind unsicher, wie sich die Kosten von Klimaschutzmaßnahmen sozial verteilen und wie eine angemessene Kompensation aussehen kann, um politische Akzeptanz zu gewährleisten.“ Zur Beantwortung dieser Fragestellung wurde ein umfangreicher Datensatz herangezogen, der auf nationalen Haushaltsbefragungen basiert und maschinelles Lernen einsetzt.
Datengrundlage und Methodik
- Erhebung von Ausgabeninformationen aus nationalen Umfragen mit 1,7 Millionen anonymisierten Haushalten.
- Abdeckung von 88 Ländern mit insgesamt fünf Milliarden Menschen.
- Zuweisung von CO₂-Emissionen zu einzelnen Ausgabenposten, sowohl direkt (z. B. Kraftstoff, Heizöl) als auch indirekt (andere Konsumausgaben).
Mit dieser Datenbasis konnte das Forschungsteam individuelle CO₂-Fußabdrücke erstellen und analysieren, wie unterschiedlich Haushalte durch Klimapolitik belastet werden. Dabei wurde insbesondere die Belastung im Verhältnis zum Einkommen betrachtet. Je größer die Unterschiede innerhalb eines Landes, desto komplexer gestaltet sich die Kompensation sozialer Härtefälle.
Erkenntnisse zur Verteilung der Belastungen
Die Studie zeigt, dass die Belastungsunterschiede innerhalb der Einkommensgruppen größer sind als zwischen Arm und Reich. Traditionelle Ausgleichsmechanismen wie gestaffelte Transfers oder Steuererleichterungen greifen daher oft zu kurz und können die Ungleichheit der Auswirkungen sogar verstärken.
Durch maschinelles Lernen wurden zentrale Einflussfaktoren identifiziert:
- Besitz von Autos und Motorrädern
- Räumliche Merkmale wie Stadt-Land-Unterschiede oder regionale Besonderheiten
- Energienutzung, beispielsweise die Art der Energie zum Kochen, Heizen und Beleuchten sowie der Anschluss an das Stromnetz und die Nutzung größerer Haushaltsgeräte
Die Bedeutung dieser Faktoren variiert je nach Land. So erklärt etwa der Motorradbesitz in Niger, Burkina Faso und Togo die relative Belastung durch Klimapolitik, während in Lettland, Schweden und Tschechien das Stadt-Land-Gefälle eine wichtige Rolle spielt. In Nicaragua und Indien ist der Energieträger zum Kochen entscheidend, in der Schweiz und auf den Philippinen die Nutzung von Haushaltsgeräten. In vielen Ländern konnten jedoch keine eindeutigen Erklärungen für die Belastungsunterschiede anhand gängiger Merkmale gefunden werden, was weiteren Forschungsbedarf signalisiert.
Clusterbildung und länderübergreifender Austausch
Zur besseren Übersicht wurden die 88 Länder in zehn Cluster eingeteilt, deren Verteilungsmuster der CO₂-Intensität des Konsums vergleichbar sind. Dies soll den Austausch von Erfahrungen und politischen Strategien zwischen Ländern erleichtern.
Jan Steckel, Co-Autor der Studie, betont: „Unsere Untersuchung gibt keine direkten politischen Handlungsempfehlungen, sondern bietet Orientierungshilfen für den sozialen Ausgleich. Die Entscheidung über konkrete Maßnahmen obliegt den jeweiligen Regierungen.“ Er weist darauf hin, dass die Bepreisung von CO₂-Emissionen oder der Abbau fossiler Subventionen Staatseinnahmen generiert, die soziale Ausgleichsmaßnahmen erleichtern können, im Gegensatz zu Verboten oder Grenzwerten.
Online-Tool zur Analyse von Verteilungswirkungen
Die Forschungsergebnisse sind die Basis für den „Carbon Pricing Incidence Calculator“, ein englischsprachiges Online-Tool, das in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) entwickelt wurde. Dieses ermöglicht es, für alle 88 Länder die sozialen Verteilungswirkungen von Klimapolitik und Ausgleichsmaßnahmen zu berechnen sowie die individuelle Betroffenheit einzuschätzen. Das Tool ist unter https://cpic-global.net/ verfügbar. Ein erläuterndes Video steht unter https://youtu.be/8MjQ8gyK-4Q bereit.
Quellenangaben
Missbach, L., Steckel, J. (2026): The heterogeneous effects of climate policy on households: Evidence from 88 countries. Journal of Environmental Economics and Management (JEEM).
DOI: 10.1016/j.jeem.2026.103382




