Furcht schneller verlernen



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25.02.2026 13:55

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Plötzlich gesund

Fortschreitende Naturerkenntnis, ganz allgemein gesprochen, ‚Wissenschaft‘, ist der stärkste Feind des medizinischen Wunders. Was unseren Vorfahren als Wunder erschien, was einfache Naturvölker heute noch in heftige Erregung versetzt, das berührt den zivilisierten Menschen längst nicht mehr.
Doch es gibt einen Gegensatz, der jedem Denkenden sofort auffällt: der unerhörte, durchaus nicht abgeschlossene Aufstieg der wissenschaftlichen Heilkunde und die ebenso unerhörte Zunahme der Laienbehandlung und der Kurpfuscherei. Man schätzt die Zahl der Menschen, die der Schulmedizin kein Vertrauen schenken, auf immerhin 50 Prozent.
Wie kann es sein, daß Laienbehandler und Kurpfuscher immer wieder spektakuläre Erfolge aufweisen, von denen die Sensationspresse berichtet?
Der Autor geht dieser Frage nach und kommt zu interessanten Erkenntnissen, aus denen er Vorschläge für eine bessere Krankenbehandlung durch seine ärztlichen Standesgenossen ableitet.

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Furcht schneller verlernen

Furchtreaktionen wieder zu verlernen ist ein grundlegender Lernprozess des Gehirns. Er ermöglicht es, auf ehemals bedrohliche Situationen wieder flexibel zu reagieren. Der Mechanismus, „Furchtextinktion“ genannt, spielt u. a. beim Behandeln von Angststörungen und Posttraumatischen Belastungsstörungen eine Rolle. Ein Team um Katharina Spoida vom Lehrstuhl Allgemeine Zoologie und Neurobiologie der Ruhr-Universität hat nachgewiesen, dass sich der Prozess beschleunigen lässt: Wird ein bestimmter Typ von Nervenzellen im Gehirn aktiviert, zeigen Mäuse eine schnellere Abschwächung erlernter Furchtreaktionen. Die Forschenden berichten im Nature Journal „Translational Psychiatry“ vom 10. Januar 2026.

Bereits 2022 zeigte das Bochumer Team in einer Studie, dass Mäuse ohne einen bestimmten Serotonin-Rezeptor, den 5-HT2C-Rezeptor, deutlich schneller lernen, ihre Furchtreaktion abzubauen. Die aktuelle Studie geht einen entscheidenden Schritt weiter und liefert eine Erklärung, wie das funktioniert.

„Wir zeigen, dass Nervenzellen, die den corticotropinfreisetzenden Faktor (CRF) produzieren, im Bettkern der Stria terminalis (BNST) – dies ist eine bestimmte Region im Gehirn – eine zentrale Schaltstelle in diesem Prozess darstellen“, so Dr. Katharina Spoida. „Außerdem konnten wir zeigen, dass der Effekt des beschleunigten Verlernens gezielt auch in genetisch unveränderten Mäusen, sogenannten Wildtyp-Mäusen, ausgelöst werden kann. Damit haben wir erstmals einen konkreten Mechanismus im Gehirn identifiziert, der Furchtextinktion unterstützen kann“, erklärt Spoida.

Nervenzellen lassen sich ein- und ausschalten

Die Forschenden nutzten ein modernes biotechnologisches Verfahren namens Chemogenetik, das man sich wie einen maßgeschneiderten Ein/Aus-Schalter im Gehirn vorstellen kann. „Mit dieser Methode können wir ganz gezielt bestimmen, welche Nervenzellen aktiv oder inaktiv sind und anschließend beobachten, wie sich das auf das Furchtverhalten der Tiere auswirkt“, erläutert Hannah Schulte, die Erstautorin der Studie.

Werden bei genetisch veränderten Mäusen, denen der Serotoninrezeptor 5-HT2C fehlt, die CRF-Neurone gehemmt, verlieren die Tiere erlernte Furchtreaktionen deutlich langsamer. Wird bei genetisch unveränderten Mäusen dieselbe Zellpopulation aktiviert, verlernen sie Furcht dagegen schneller. Durch ihre gezielte Aktivierung konnten die Bochumer Wissenschaftlerinnen den Effekt der Vorgängerstudie erstmals künstlich nachbilden, diesmal in Wildtyp Mäusen.

Bestimmte Serotonin-abhängige Nervenzellen spielen eine Schlüsselrolle

Der fehlende 5-HT2C-Rezeptor verändert die serotonerge Regulation im BNST so, dass CRF-Neurone verstärkt extinktionsfördernd wirken, Angst wird schneller verlernt. Spannend wird das Ergebnis auch im Hinblick auf gängige Therapien: Medikamente wie Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs), die häufig bei Posttraumatischen Belastungsstörungen und Angststörungen zum Einsatz kommen, beeinflussen ebenfalls langfristig die Aktivität des 5-HT2C-Rezeptors. Die Bochumer Ergebnisse deutet nun an, dass dieser Effekt unter anderem über den BNST-CRF-Mechanismus vermittelt sein könnte, was auch erklären dürfte, warum langfristige SSRI-Behandlungen Ängste abschwächen, obwohl sie zu Beginn oft angststeigernd wirken.

Förderung

Die Arbeiten wurden gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (Projektnummer 316803389 – Sonderforschungsbereich 1280, sowie Projektnummer 492434978 – GRK 2862/1).


Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. Katharina Spoida
Lehrstuhl Allgemeine Zoologie und Neurobiologie
Fakultät für Biologie und Biotechnologie
Ruhr-Universität Bochum
Tel.: +49 234 32 17533
E-Mail: katharina.spoida@ruhr-uni-bochum.de


Originalpublikation:

Hannah Schulte, Hanna Böke, Patricia Lössl, Maria Worm, Ida Siveke, Stefan Herlitze, Katharina Spoida: Chemogenetic modulation of CRF neurons in the BNST compensates for phenotypic behavioral differences in fear extinction learning of 5-HT2C receptor mutant mice, Translational Psychiatry, 2026, DOI: 10.1038/s41398-025-03799-1


Bilder

Diese Forscherinnen waren an der Studie beteiligt (von links nach rechts): Hanna Böke (Doktorandin), Dr. Katharina Spoida (Projektleiterin), Hannah Schulte (Doktorandin und Erstautorin), Maria Worm (Doktorandin).

Diese Forscherinnen waren an der Studie beteiligt (von links nach rechts): Hanna Böke (Doktorandin),

Copyright: RUB, Kramer


Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten
Biologie, Medizin, Psychologie
überregional
Forschungsergebnisse
Deutsch


 

Quelle: IDW