Ökologische Auswirkungen von Lichtverschmutzung und Strategien zu deren Begrenzung

Ökologische Auswirkungen von Lichtverschmutzung und Strategien zu deren Begrenzung

Ökologische Auswirkungen von Lichtverschmutzung und Strategien zu deren Begrenzung

Ökologische Auswirkungen von Lichtverschmutzung: Maßnahmen zur Reduktion der Lichtemission und Einrichtung „dunkler Korridore“

Lichtverschmutzung zählt zu den am schnellsten fortschreitenden und zugleich am wenigsten regulierten Umweltveränderungen weltweit. Sie beeinflusst biologische Prozesse auf allen Ebenen – von genetischen Mechanismen bis hin zu komplexen Ökosystemen – und trägt maßgeblich zum globalen Rückgang der Biodiversität bei. Ein kürzlich erschienener Übersichtsartikel, an dem das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) beteiligt war, analysiert die ökologischen Folgen künstlicher Nachtbeleuchtung. Die Autorinnen und Autoren fassen die Auswirkungen auf terrestrische und aquatische Organismen zusammen und formulieren Prioritäten für Forschung und Management. Die Veröffentlichung erschien in der Fachzeitschrift Nature Reviews Biodiversity.

Zunahme der Lichtverschmutzung und ihre Folgen

Innerhalb der vergangenen zehn Jahre hat sich die Helligkeit des Nachthimmels durchschnittlich um nahezu zehn Prozent pro Jahr erhöht. Prognosen zufolge wird bis zum Jahr 2052 etwa die Hälfte der Landfläche der Erde von Lichtverschmutzung betroffen sein. Diese Entwicklung hat weitreichende Konsequenzen für Lebewesen, ökologische Abläufe und gesamte Lebensgemeinschaften.

Veränderung der Tages- und Jahresrhythmen

Da sich urbane Zentren häufig in der Nähe bedeutender Naturräume wie Küstenregionen und Binnengewässern befinden, erreicht die Lichtverschmutzung auch vermeintlich unberührte Lebensräume. Dies führt zu einer Verschiebung des natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus vieler Tier- und Pflanzenarten. Dr. Ashton Dickerson, Erstautorin der Studie, erläutert: „Der Hell-Dunkel-Zyklus stellt eines der stabilsten Umweltsignale in der Evolution dar. Eine Störung dieses Signals durch künstliches Licht hat daher tiefgreifende Auswirkungen auf die biologische Vielfalt.“

  • Bei Wirbeltieren wie Vögeln, Säugetieren, Amphibien, Reptilien und Fischen wird die Melatoninproduktion durch Lichtverschmutzung im Durchschnitt um 36 Prozent reduziert.
  • Pflanzen reagieren ebenfalls auf künstliches Licht: Stadtbäume treiben früher aus und behalten ihre Blätter länger, was die Vegetationsperiode in urbanen Gebieten stärker verlängert als steigende Temperaturen.
  • Verhaltensänderungen bei Tieren sind dokumentiert, beispielsweise beginnen einige Vogelarten früher mit dem Morgengesang.

Beeinflussung der räumlichen Verteilung von Tieren

Lichtverschmutzung wirkt sich auch auf die Verteilung von Tieren aus, indem sie diese anzieht oder vertreibt. Besonders deutlich zeigt sich dies bei Fluginsekten, die sich in großer Zahl an Straßenlaternen sammeln. Zahlreiche Studien belegen eine erhöhte Dichte von Insekten und deren Fressfeinden wie Spinnen in beleuchteten Bereichen.

  • In Meeresriffen versammeln sich Raubfische verstärkt in der Nähe beleuchteter Korallen, was die Zusammensetzung der Lebensgemeinschaft verändert.
  • Andere Wirbeltiere wie Pumas meiden stark beleuchtete Gebiete, ebenso Zugvögel.
  • Watvögel verändern ihre Verbreitung an Niststränden, und Aale weichen an beleuchteten Brücken von ihren Wanderwegen ab.

Diese Verhaltensmuster führen zu einer Neuverteilung von Arten in sogenannten Aggregations-Hotspots und Ersatzlebensräumen, was zur Entstehung neuartiger Lebensgemeinschaften ohne historische Vorbilder beiträgt, erklärt Dr. Franz Hölker, Leiter der IGB-Forschungsgruppe „Lichtverschmutzung und Ökophysiologie“.

Politische Maßnahmen und Regulierungen

Die Autorinnen und Autoren betonen die Notwendigkeit, ökologische Erkenntnisse stärker in Beleuchtungsregulierungen und Raumplanung zu integrieren. Dr. Franz Hölker weist darauf hin, dass derzeit noch eine Diskrepanz zwischen wissenschaftlichem Wissen und Biodiversitätsschutz besteht.

Bereits existierende politische Initiativen, die Lichtverschmutzung als Bedrohung anerkennen, umfassen unter anderem:

  • Die Übernahme der „International Light Pollution Guidelines“ durch die „Convention on Migratory Species“ im Jahr 2024.
  • Die Umsetzung der „National Light Pollution Guidelines for Wildlife“ in Australien im Jahr 2023.
  • Das deutsche „Insektenschutzgesetz“ (§ 41a BNatSchG) von 2021.

Vierstufiges Schutzkonzept zur Reduktion von Lichtverschmutzung

Auf Basis der wissenschaftlichen Erkenntnisse schlagen die Autorinnen und Autoren ein hierarchisch gegliedertes Schutzkonzept vor:

  • Stufe 1: Dauerhafte Entfernung von Lichtquellen, sofern kein begründeter Bedarf besteht.
  • Stufe 2: Räumliche Begrenzung durch gezielte Optik, Abschirmungen und Dimmung zur Reduktion des Lichtstroms.
  • Stufe 3: Zeitliche Einschränkungen mittels Zeitschaltuhren und Bewegungssensoren zur Begrenzung der Betriebszeiten.
  • Stufe 4: Spektrale Anpassung des ausgestrahlten Lichts.

Festlegung von Emissionsgrenzwerten

Ein zentrales Hindernis für wirksame Regulierung ist der Nachweis relevanter Umweltschäden und deren ursächlicher Zusammenhang mit Lichtemissionen. Die meisten Umweltgesetze verlangen den Beleg, dass eine Lichtimmission eine signifikante Auswirkung verursacht und der Verursacher identifiziert werden kann.

Dr. Andreas Jechow, Professor an der TH Brandenburg und Mitautor der Studie, schlägt vor, evidenzbasierte Emissionsgrenzwerte einzuführen, die auf Beleuchtungsart und Einsatzkontext abgestimmt sind. Diese würden den Nachweis von Schäden und Kausalzusammenhängen umgehen und klare, durchsetzbare Vorgaben schaffen. Hersteller, Händler und Lichtplaner könnten diese Grenzwerte bereits bei der Planung und Installation berücksichtigen, um Lichtverschmutzung von vornherein zu minimieren.

Schutzgebiete und „dunkle Korridore“

Zusätzlich zur Emissionskontrolle bieten räumliche Planungsinstrumente Möglichkeiten, Lichtverschmutzung zu begrenzen. Die Einrichtung sogenannter „dunkler Korridore“ kann wichtige Biotope miteinander verbinden und ergänzt bestehende Lebensraumvernetzungen wie Natura 2000.

Die Autorinnen und Autoren betonen, dass es nicht darum geht, die Vorteile künstlicher Beleuchtung für die Gesellschaft – insbesondere das Sicherheitsgefühl in der Dunkelheit – zu vernachlässigen. Beispiele aus Kommunen wie Fulda (Deutschland) oder entlang der Golfküste Floridas (USA) zeigen, dass ökologische und gesellschaftliche Anforderungen an öffentliche Beleuchtung miteinander vereinbar sind.


Kontaktinformationen der Wissenschaftler

Originalpublikation

Dickerson, A.L., Longcore, T., Jechow, A. et al. Understanding and managing ecological light pollution. Nat. Rev. Biodivers. (2026). https://doi.org/10.1038/s44358-026-00206-5

Weiterführende Informationen

https://www.igb-berlin.de/news/die-oekologischen-folgen-von-lichtverschmutzung-eindaemmen