Selbstmedikation afrikanischer Elefanten am Mount Elgon durch Nutzung traditioneller Heilpflanzen

Selbstmedikation afrikanischer Elefanten am Mount Elgon durch Nutzung traditioneller Heilpflanzen

Afrikanische Elefanten und Heilpflanzen: Hinweise auf Selbstmedikation durch lokales Wissen

Eine Untersuchung im Mount-Elgon-Gebiet in Kenia zeigt, dass wildlebende afrikanische Elefanten gezielt bestimmte Pflanzen auswählen, wenn sie erkrankt erscheinen. Zudem berichten lokale Fachleute, dass Elefantenmütter ihren Jungtieren pflanzliche „Medikamente“ verabreichen. Diese Erkenntnisse stammen aus einer Studie der Nachwuchsgruppe Ethnopharmakologie und Zoopharmakognosie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM), die in Kooperation mit mehreren regionalen Partnern durchgeführt wurde. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal Scientific Reports veröffentlicht.

Methodik und Befragung lokaler Experten

Im Rahmen der Studie wurden acht erfahrene lokale Fachpersonen befragt, die seit Jahrzehnten mit Elefanten in der Region leben und arbeiten. Erstmals wurde systematisch erfasst, welche Pflanzen wilde Elefanten offenbar zu medizinischen Zwecken nutzen. Viele dieser Pflanzen sind auch in der traditionellen Medizin der ansässigen indigenen Gemeinschaften von Bedeutung. Frühere Forschungen weisen für einige Arten antibakterielle, entzündungshemmende oder antiparasitäre Wirkungen nach.

Hintergrund zur Selbstmedikation bei Tieren

Seit den 1970er Jahren ist bekannt, dass Tiere sich selbst behandeln können. Beispielsweise konsumieren Schimpansen gezielt bittere Blätter zur Bekämpfung von Darmparasiten, während Vögel ihre Nester mit insektenabwehrenden Pflanzen ausstatten, um schädliche Milben zu vertreiben. Dieses Verhalten wird als Zoopharmakognosie bezeichnet. Erste Studien legen nahe, dass auch Elefanten, insbesondere asiatische Arten, Selbstmedikation praktizieren. Für afrikanische Elefanten lagen bisher jedoch nur wenige systematische Untersuchungen vor.

Fokus auf den Mount Elgon als Biodiversitäts-Hotspot

Die aktuelle Studie konzentriert sich auf Elefanten in ihrem natürlichen Lebensraum am Mount Elgon, einem Gebiet mit hoher biologischer Vielfalt und einer reichen Pflanzenwelt sowie mineralstoffreichen Höhlen. Um die Tiere nicht zu stören, stützten sich die Forschenden auf langjährige Beobachtungen von Menschen aus der Region, darunter Wildtierbeobachter, ehemalige Ranger, lokale Älteste und weitere Personen mit mehr als zwanzig Jahren Erfahrung im Umgang mit Elefantenherden.

Erfassung und Analyse des traditionellen Wissens

Die Befragten beschrieben detailliert, welche Pflanzen Elefanten bei Krankheitssymptomen aufnehmen und wie diese Ressourcen auch von den lokalen Gemeinschaften traditionell genutzt werden. Das gesammelte Wissen wurde durch botanische Bestimmung der Pflanzenexemplare im Ostafrikanischen Herbarium verifiziert und mit internationalen Datenbanken abgeglichen. Anschließend erfolgte eine ethnobotanische Auswertung, bei der die Häufigkeit der Nennung, genutzte Pflanzenteile sowie die behandelten Beschwerden analysiert wurden.

Ergebnisse der Studie

  • Insgesamt wurden 39 natürliche Ressourcen identifiziert, die Elefanten gezielt medizinisch nutzen sollen, darunter 35 Pflanzenarten aus 23 Familien sowie vier mineralische Substanzen.
  • 87 % dieser Ressourcen werden auch von Menschen der Region in der traditionellen Medizin verwendet.
  • 25 dieser Ressourcen wurden von den Experten ausdrücklich als „Medizin für Elefanten“ bezeichnet.

Selbstmedikation und Verhaltensmuster

Die Beobachtungen wurden anhand eines etablierten Fünf-Stufen-Modells zur tierischen Selbstmedikation bewertet. Besonders relevant sind die sogenannten „Mode-4-Fälle“, in denen kranke Tiere gezielt Pflanzen konsumieren, die weder nährstoffreich noch geschmacklich attraktiv sind, häufig in kleinen Mengen und zu ungewöhnlichen Zeiten. Beispiele hierfür sind Aloe arborescens, Bersama abyssinica und Ficus natalensis. Mehrere Befragte berichteten, dass Elefanten weite Strecken zurücklegen, um gezielt bestimmte Pflanzen zu erreichen und dort deren Rinde oder Blätter aufzunehmen.

Darüber hinaus wurden Berichte über mütterliche Fürsorge (Allocare) dokumentiert, bei der Elefantenmütter ihren Kälbern pflanzliches Material verabreichen. Dieses Verhalten soll derzeit durch Videoaufnahmen weiter untersucht werden. Fünf Ressourcen wurden im Zusammenhang mit diesem Mutter-Kalb-Verhalten genannt.

Das bekannte „Salzlecken“ in den Höhlen des Mount Elgon wurde ebenfalls analysiert. Alle Befragten bestätigten, dass Elefanten mineralstoffreiche Böden und Tone aufnehmen, was vor allem als Mineralstoffquelle gilt. Dieses Verhalten wurde jedoch nicht als medizinische Selbstmedikation eingestuft.

Ökologische Bedeutung und One-Health-Perspektive

Dr. Fabien Schultz, Leiter der Nachwuchsgruppe am BNITM, betont die enge Verbindung zwischen der Pflanzenwelt am Mount Elgon und der Gesundheit von Elefanten sowie Menschen. Die Überschneidung der genutzten Pflanzenarten unterstreicht die Bedeutung des Schutzes dieser Lebensräume im Sinne eines One-Health-Ansatzes, der die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt als untrennbar betrachtet.

Dr. Elodie Freymann, Expertin für Selbstmedikation bei Menschenaffen und Co-Autorin der Studie, hebt hervor, dass das Wissen der lokalen Bevölkerung über tierisches Verhalten oft über Generationen weitergegeben wird und für die Wissenschaft wichtige Erkenntnisse liefert.

Implikationen für Naturschutz und Forschung

Die Ergebnisse haben Relevanz für den Schutz afrikanischer Elefanten, die durch Lebensraumverlust und Mensch-Wildtier-Konflikte bedroht sind. Der Verlust von Heilpflanzen kann die Gesundheit der Elefanten beeinträchtigen. Daher ist der Erhalt medizinisch wichtiger Pflanzen und ihrer Standorte essenziell.

Die Studie bietet zudem Ansatzpunkte für die ethnopharmakologische Forschung, indem sie traditionelle Anwendungen, tierisches Verhalten und pharmakologische Wirkungen miteinander verknüpft. Zukünftige Untersuchungen könnten experimentelle Analysen der Inhaltsstoffe und deren Wirkungen umfassen, wobei die Zusammenarbeit mit den indigenen Gemeinschaften weiterhin von zentraler Bedeutung ist.

Über das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM)

Das BNITM ist Deutschlands größte Einrichtung für Forschung, Versorgung und Lehre im Bereich tropischer und neu auftretender Infektionskrankheiten. Schwerpunkte liegen unter anderem auf Malaria, hämorrhagischen Fieberviren, vernachlässigten Tropenerkrankungen, Immunologie und Epidemiologie. Das Institut verfügt über Labore der höchsten Sicherheitsstufen (BSL4) und unterstützt weltweit den Aufbau von Laborkapazitäten, insbesondere durch mobile Labore zur Ausbruchsbekämpfung.

Kontakt und Publikation

Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Dr. Fabien Schultz
Nachwuchsgruppe Ethnopharmakologie und Zoopharmakognosie
Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin
Telefon: +49 40 285380-997
E-Mail: fabien.schultz@bnitm.de

Originalpublikation:
Schultz, F. et al.: African elephants putatively self-medicate with medicinal plants in the Mount Elgon region, Kenya. Scientific Reports, 2026. DOI: 10.1038/s41598-026-53610-4

Weitere Informationen:
https://bnitm.de