Das Proteom einzelner Zellen im Gewebekontext verstehen



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02.10.2023 17:15

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Plötzlich gesund

Fortschreitende Naturerkenntnis, ganz allgemein gesprochen, ‘Wissenschaft’, ist der stärkste Feind des medizinischen Wunders. Was unseren Vorfahren als Wunder erschien, was einfache Naturvölker heute noch in heftige Erregung versetzt, das berührt den zivilisierten Menschen längst nicht mehr.
Doch es gibt einen Gegensatz, der jedem Denkenden sofort auffällt: der unerhörte, durchaus nicht abgeschlossene Aufstieg der wissenschaftlichen Heilkunde und die ebenso unerhörte Zunahme der Laienbehandlung und der Kurpfuscherei. Man schätzt die Zahl der Menschen, die der Schulmedizin kein Vertrauen schenken, auf immerhin 50 Prozent.
Wie kann es sein, daß Laienbehandler und Kurpfuscher immer wieder spektakuläre Erfolge aufweisen, von denen die Sensationspresse berichtet?
Der Autor geht dieser Frage nach und kommt zu interessanten Erkenntnissen, aus denen er Vorschläge für eine bessere Krankenbehandlung durch seine ärztlichen Standesgenossen ableitet.

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Das Proteom einzelner Zellen im Gewebekontext verstehen

Wie auch Menschen und Tiere, die ihre Ernährung oder ihr Verhalten an ihre Umweltbedingungen anpassen, hängt auch die Funktion und Proteinzusammensetzung einzelner Zellen davon ab, welche Ressourcen in ihrer unmittelbaren Umgebung zur Verfügung stehen. Durch einen neuen Ansatz des Forschungsteams um Matthias Mann, Direktor am Max-Planck-Institut für Biochemie, ist es nun erstmals möglich diese Proteinzusammensetzung mit Blick auf die Umgebung einzelner Zellen zu analysieren. Durch die Kombination zweier neuer Methoden gelang es ihnen, das Proteom einzelner Zellen funktionell mit hoher räumlicher Auflösung zu erfassen. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Nature Methods publiziert.

Gewebe bestehen aus vielen verschiedenen Zelltypen, die jeweils spezifische Funktionen in unserem Körper erfüllen. Auch innerhalb einer solchen Zelltypkategorie hängt die Funktion jeder einzelnen Zelle jedoch davon ab, in welcher Umgebung sie sich befindet, also beispielsweise ob sich Blutgefäße in ihrer Nähe befinden, oder welche anderen Zellen um sie herum sind. Gibt es viele nutzbare Nährstoffe? Wie viel Sauerstoff steht der Zelle zur Verfügung? Welche hormonellen Signale wirken auf sie ein?

Dieser Zusammenhang zwischen Funktion und Ort ist in der Leber besonders ausgeprägt. Die Leber, als das zentrale Stoffwechselorgan des Körpers, besteht zu 85% aus einem Zelltyp, den sogenannten Hepatozyten. Diese Zellen erfüllen diverse Aufgaben des Stoffwechsels in unserem Körper, wie zum Beispiel die Speicherung von Glukose oder auch die Entgiftung unseres Blutes. Bei diesen Stoffwechelprozessen sind die jeweiligen Proteine innerhalb der Zellen von entscheidender Bedeutung. Bislang war es allerdings noch nicht möglich, das Proteom einzelner Leberzellen mit Blick auf die direkte Umgebung der Zellen zu messen und darzustellen.

Deep Visual Proteomics – eine revolutionäre Methode wird weiterentwickelt

Forscher*innen gelang es nun, diese Lücke mit einem technologischen Meilenstein zu schließen. Das Team um Matthias Mann, Direktor am MPI für Biochemie, entwickelte 2022 die Methode Deep Visual Proteomics, um das Proteom verschiedener Zelltypen zu bestimmen. Während der Analyse mit Deep Visual Proteomics werden nach der Entnahme einer Gewebeprobe Zellen eines Typs identifiziert, extrahiert und in bestimmte Gruppen sortiert. Anschließend werden sie mittels Massenspektrometrie auf ihre Proteinzusammensetzung hin analysiert.

„In unserer neuen Studie haben wir zwei Welten zusammengebracht. Wir haben die sogenannte Single-Cell Proteomics mit der räumlichen Auflösung von Deep Visual Protemics kombiniert und so einen neuen Ansatz für die Einzelzellproteomik mit räumlicher Auflösung geschaffen. Der neue Ansatz, Single-Cell Deep Visual Proteomics, erlaubt uns nun zum ersten Mal, mehr als zweitausend verschiedene Proteine einzelner Zellen in intaktem Gewebe und damit auch mit räumlicher Auflösung messen zu können“, erklärt Florian Rosenberger, Erstautor der aktuellen Studie. „Damit sind wir nun in der Lage, hunderte Stoffwechselwege genau zu lokalisieren“, so Rosenberger weiter. Hieraus können nun Proteinlandkarten erstellt werden, die dabei helfen, die Mechanismen von Gesundheit und Krankheit besser zu verstehen.

Durch die Kombination der beiden bestehenden Methoden konnten die Autor*innen auch aufzeigen, dass benachbarte Zellen teils enorme funktionelle Unterschiede aufweisen. Bislang konnten solche Unterschiede nur für einige wenige Proteine gezeigt werden. Dieser neue Ansatz, der im Journal Nature Methods publiziert wurde, ebnet damit den Weg dafür komplexe Gewebe, wie Tumore, besser zu verstehen. Damit können nun auch einzelne Zellen und die Mechanismen identifiziert werden, die beispielsweise zu Resistenzen in Krebstherapien führen.

“Wir erreichen ein historisches Neuland mit der ersten Einzelzell-Proteomik-Analyse die direkt im Gewebekontext durchgeführt werden kann und der Erkenntnis, dass dieselben Zelltypen tatsächlich ganz unterschiedliche Tätigkeiten ausführen, abhängig davon, wo sie sich befinden. Wir sind davon überzeugt, dass wir bereits in wenigen Jahren fast das komplette Proteom einer Zelle, mit mehr als 10 000 Proteinen in nur wenigen Minuten, messen können“, sagt Matthias Mann abschließend.


Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Prof. Dr. Matthias Mann
Direktor, MPI für Biochemie
sackers@biochem.mpg.de


Originalpublikation:

Florian A. Rosenberger, Marvin Thielert, Maximilian T. Strauss, Lisa Schweizer, Constantin Ammar, Sophia C. Mädler, Andreas Metousis, Patricia Skowronek, Maria Wahle, Katherine Madden, Janine Gote-Schniering, Anna Semenova, Herbert B. Schiller, Edwin Rodriguez, Thierry M. Nordmann, Andreas Mund & Matthias Mann, Spatial single-cell mass spectrometry defines zonation of the hepatocyte proteome. Nature Methods, Oktober 2023


Bilder

Illustration der Proteomanalyse einer einzelnen Zelle im Gewebekontext.

Illustration der Proteomanalyse einer einzelnen Zelle im Gewebekontext.

Juliet Percival

Von links nach rechts: Matthias Mann, korrespondierender Autor, und Florian Rosenberger, Erstautor.

Von links nach rechts: Matthias Mann, korrespondierender Autor, und Florian Rosenberger, Erstautor.
Tamara Bäßler
MPI für Biochemie


Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Studierende, Wissenschaftler
Biologie, Chemie, Medizin
überregional
Forschungsergebnisse
Deutsch


 

Quelle: IDW