Den Zustand liberaler Gesellschaften verstehen:

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19.06.2024 12:43

Den Zustand liberaler Gesellschaften verstehen:

Das Exzellenzcluster SCRIPTS stellt Datensatz seiner globalen Meinungsumfrage PALS der Öffentlichkeit zur Verfügung

Liberale Gesellschaften stehen weltweit unter Druck: Von innen erodiert durch rechtspopulistische Wahlerfolge und wachsende wirtschaftliche Ungleichheit, von außen herausgefordert durch das Machtspiel autokratischer Regierungen. Die globale Umfrage „Public Attitudes towards the Liberal Script“ (PALS), durchgeführt in 30 Ländern mit über 60.000 Teilnehmenden, bietet eine wichtige Grundlage für künftige Forschungen. Der daraus resultierende Datensatz ermöglicht Einblicke in Einstellungen zu liberalen Prinzipien und Institutionen und steht nun der Öffentlichkeit zur Verfügung.

Die von der SCRIPTS-Forschungsgruppe „Comparative Survey“ zwischen Dezember 2021 und Februar 2023 durchgeführte Meinungsumfrage „Public Attitudes towards the Liberal Script“ (PALS) untersucht, wie Menschen zu den zentralen Werten, Prinzipien und Institutionen des liberalen Drehbuchs („Script“) stehen. Die Umfrage untersuchte die Einstellungen von mehr als 60.000 Menschen in 30 Ländern zu liberalen Grundbausteinen wie Selbstbestimmung, Marktwirtschaft und Rechtsstaatlichkeit.

„PALS will ermöglichen, aus einer globalen Perspektive besser zu verstehen, was die Menschen über das liberale Gesellschaftsmodell denken, um nach entscheidenden Mustern zu suchen – hinsichtlich der Unterschiede zwischen Ländern, aber auch gesellschaftlichen Gruppen “, so Dr. Heiko Giebler, Leiter der Forschungsgruppe „Comparative Survey“. Die Datensätze und die Dokumentation zur ersten und zweiten Welle der Befragung sind jetzt über das Refubium-Portal der Freien Universität Berlin für die nicht-kommerzielle Nutzung und für eigene Auswertungen frei zugänglich.

Erste Erkenntnisse

Erste Untersuchungen deuten auf spannende Ergebnisse hin. Für eine frühe Analyse entwickelte das Forschungsteam einen Index, der die Unterstützung der Befragten für Kernsäulen des liberalen Skripts misst. Ein höheres sozioökonomisches Entwicklungsniveau geht zwar mit stärkerer Zustimmung einher, aber traditionell liberale Länder wie Frankreich, Großbritannien und die USA landen eher im Mittelfeld. Autoritäre Werte und das Gefühl, gesellschaftlich abgehängt zu sein, führen in allen Ländern zu einer Ablehnung des liberalen Skripts.

In einer Frage, bei der aus einer Liste von verschiedenen Themen jene ausgewählt werden sollten, welche die Befragten als eine wesentliche Bedrohung für ihr jeweiliges Land und seine Bevölkerung betrachten wurden global betrachtet Probleme wie Geschlechterungleichheit und Einwanderung deutlich weniger häufig gewählt als wirtschaftliche Ungleichheit oder Hunger und Armut. Hier deutet sich an, dass die oft im Mittelpunkt des Medienberichterstattung stehenden Themen zumindest damals nicht unbedingt die tatsächlichen Anliegen der Bevölkerung widerspiegeln.

Laufende Studien

Karoline Estermann, Doktorandin an der Berlin Graduate School for Global and Transregional Studies (BGTS) nutzte die PALS-Daten bereits, um liberale Einstellungsmuster zu typologisieren. Zwei Fragestellungen leiten ihre Studie: Werden die Demokratie und ihre Prinzipien wie Selbstbestimmung, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und Fortschritt global als erstrebenswert wahrgenommen? Welche Freiheiten sprechen Menschen ihren Mitmenschen zu? Die vorläufigen Ergebnisse wertet sie als überraschend: „Während mich weltpolitische Krisen eher illiberale Haltungen und Polarisierung vermuten ließen, spiegelt das Stimmungsbild moderate Meinungsverschiedenheiten neben einer verbreiteten Befürwortung demokratischer Grundprinzipien.“

Bereits für eine eigene Forschung fruchtbar machen konnten die PALS-Studie auch Lukas Antoine und Rasmus Ollroge, Doktoranden und Mitglieder der Forschungsgruppe „Comparative Survey“. Für seine Untersuchung zur Akzeptanz staatlicher Überwachungsmaßnahmen, die sich zu einem großen Teil auf PALS-Daten stützt, schätzt Antoine insbesondere „die globale Bandbreite von PALS, die mit Ländern des Globalen Südens mehr als nur ‚die üblichen Verdächtigen‘ umfasst.“ Ollroge, der die Daten für seine Promotion zu Globalisierungsgewinnern und -verlierern nutzt, hebt neben der hohen Stichprobenqualität insbesondere die methodische Transparenz hervor und beschreibt das Open-Source-Projekt in dieser Hinsicht als „richtungsweisend für zukünftige Forschung“.

SCRIPTS ist ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) seit 2019 gefördertes multidisziplinäres Exzellenzcluster. Er untersucht warum das liberale Modell trotz seiner politischen, ökonomischen und sozialen Errungenschaften in die Krise geraten ist und welche Konsequenzen sich daraus für die globalen Herausforderungen unserer Zeit ergeben.


Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. Heiko Giebler ist Leiter der SCRIPTS-Forschungsgruppe „Comparative Survey“ und des „Data Methodology Center“ (DMC) des Clusters. E-Mail: h.giebler@fu-berlin.de
Lukas Antoine forscht als Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei SCRIPTS zu Privatsphäre und Überwachung. E-Mail: lukas.antoine@fu-berlin.de
Rasmus Ollroge arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei SCRIPTS u. a. zu Kommunitarismus, Kulturellem Kapital, Lebensstilen sowie Politischer Soziologie. E-Mail: r.ollroge@fu-berlin.de
Karoline Estermann forscht als Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei SCRIPTS zu Politischer Soziologie, Rechtssoziologe sowie Normen und Glaubenssystemen. E-Mail: karoline.estermann@fu-berlin.de


Weitere Informationen:

http://Website des Exzellenzclusters SCRIPTS: https://www.scripts-berlin.eu/de/index.html
http://PALS-Webseite: http://www.scripts-berlin.eu/pals
http://PALS Datensätze und Dokumentation: https://www.scripts-berlin.eu/research/pals/data-and-documentation/index.html
http://PALS Datensatz – Welle 1: https://refubium.fu-berlin.de/handle/fub188/41546
http://PALS Datensatz – Welle 2: https://dx.doi.org/10.17169/refubium-41374


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Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten, Wissenschaftler, jedermann
Gesellschaft, Politik, Psychologie
überregional
Forschungs- / Wissenstransfer, Forschungsergebnisse
Deutsch


 

Quelle: IDW