Die kontinuierliche Evolution von Krebszellen



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02.09.2020 17:00

Die kontinuierliche Evolution von Krebszellen

Ein neuer Algorithmus zeigt, dass die Zellen eines Tumors fortlaufend ihr Genom umgestalten – eine Evolution im Schnelldurchlauf, die bei zahlreichen Krebsarten vorkommt. Doch welche Veränderungen nützen dem Tumor und tragen zur Metastasierung bei? Sie zu erkennen, könnte zu neuen Therapien beitragen.

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Plötzlich gesund

Fortschreitende Naturerkenntnis, ganz allgemein gesprochen, ‘Wissenschaft’, ist der stärkste Feind des medizinischen Wunders. Was unseren Vorfahren als Wunder erschien, was einfache Naturvölker heute noch in heftige Erregung versetzt, das berührt den zivilisierten Menschen längst nicht mehr.
Doch es gibt einen Gegensatz, der jedem Denkenden sofort auffällt: der unerhörte, durchaus nicht abgeschlossene Aufstieg der wissenschaftlichen Heilkunde und die ebenso unerhörte Zunahme der Laienbehandlung und der Kurpfuscherei. Man schätzt die Zahl der Menschen, die der Schulmedizin kein Vertrauen schenken, auf immerhin 50 Prozent.
Wie kann es sein, daß Laienbehandler und Kurpfuscher immer wieder spektakuläre Erfolge aufweisen, von denen die Sensationspresse berichtet?
Der Autor geht dieser Frage nach und kommt zu interessanten Erkenntnissen, aus denen er Vorschläge für eine bessere Krankenbehandlung durch seine ärztlichen Standesgenossen ableitet.

Hier geht es weiter …

In einigen Zellen gewinnt und verliert ein Tumor große Abschnitte von Chromosomen, in anderen Zellen jedoch nicht. Dieser Prozess kann ein Hinweis auf fortlaufende Evolution und die Selektion bevorzugte Merkmale sein. Zu diesem Schluss kommt ein Forschungsteam des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC), des Francis Crick Institute und des University College London. Wie die Forschenden in der Fachzeitschrift Nature berichten, fanden sie derartige Hinweise bei 24 Krebsarten, darunter Brust-, Darm- und Lungenkrebs.

„Das Ausmaß der kontinuierlichen strukturellen Evolution in diesen Krebsgenomen ist viel größer, als wir ursprünglich gedacht hatten, und es ist auch größer als es die Community gewöhnlich annimmt“, sagt Dr. Roland Schwarz, Leiter der MDC-Arbeitsgruppe „Evolutionäre und Krebsgenomik“ und einer der Hauptautoren der Studie.

Begünstigt werden dabei anscheinend solche Varianten, durch die die Krebszellen große Chromosomenabschnitte mit vorteilhaften Genen hinzugewinnen oder öfter kopieren können. Genabschnitte, die den Tumor unterdrücken könnten, gehen dagegen verloren. „Das ist zwar intuitiv einleuchtend, aber es wurde noch nie zuvor nachgewiesen, dass dies kontinuierlich bei so vielen Krebsarten passiert“, sagt Schwarz.

Mutter oder Vater zuerst?

Roland Schwarz und Tom Watkins, Erstautor der Studie und Doktorand am Francis Crick Institute, den Schwarz mitbetreut, haben in den letzten fünf Jahren gemeinsam ein Verfahren entwickelt, das diese umfassenden Mutationen detaillierter beschreiben kann. Die Veränderungen werden als somatische Kopienzahl-Änderungen bezeichnet und können Chromosomenarme oder sogar ganze Chromosomen umfassen. Sie sind also weitaus größer als Punktmutationen in einzelnen Genen. Die Forschenden interessierte insbesondere, ob Veränderungen an der mütterlichen oder väterlichen Kopie eines Chromosoms oder gar an beiden vorliegen und in welcher Reihenfolge sie auftreten.

„Wenn wir das Ausmaß der kontinuierlichen Instabilität der Chromosomen und die daraus resultierende Heterogenität der Kopienzahl verstehen, könnte das zukünftige Therapieansätze beeinflussen“, sagt Watkins.

Mithilfe eines neuen Algorithmus namens „Refphase“ und einer statistischen Analyse gelang es den Forschenden, diese Detailgenauigkeit in den Haplotypen zu erreichen. Gemeinsam mit Kolleg*innen wandten sie dieses Verfahren auf 1.421 Proben aus 394 Tumoren von 24 Krebsarten an. Entscheidend dabei war, dass diese Proben aus mindestens zwei verschiedenen Teilen des Tumors stammten, sodass die Forscher*innen die Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen vergleichen konnten.

„Solche Datensätze findet man immer noch recht selten. Es war daher für mich sehr spannend, mit der größten Datensammlung unterschiedlichster Krebsarten zu arbeiten, die auch Daten aus verschiedenen Bereichen der Tumoren umfasst“, sagt Marina Petkovic, Co-Autorin der Studie und Doktorandin in Schwarz’ Labor, das Teil des Berliner Instituts für Medizinische Systembiologie (BIMSB) des MDC ist.

Die Forscher*innen fanden eine große Variabilität chromosomaler Gewinne und Verluste in den Zellen aus verschiedenen Tumorteilen – und zwar bei allen untersuchten Krebsarten.

Ein weit verbreitetes Ungleichgewicht

Das Team stellte auch fest, dass in einem Tumorteil ein Gewinn oder Verlust oft nur auf der mütterlichen Kopie des Chromosoms auftrat, während im anderen Teil des Tumors der Gewinn oder Verlust nur auf der väterlichen Kopie zu finden war. Dieses Phänomen, das Schwarz und seine Kollegen erstmals 2017 in einer Studie beschrieben, wird als gespiegeltes subklonales Allel-Ungleichgewicht („Mirrored Subclonal Allelic Imbalance“ oder MSAI) bezeichnet. „Diese MSAI-Ereignisse finden sich in vielen Krebsarten. Es gibt sie nahezu überall“, sagt Schwarz.

Dieses Ungleichgewicht deutet auf eine getrennte, parallel stattfindende Evolution hin – es legt also Selektion nahe. Ob die gewonnenen oder verlorenen Chromosomen-Abschnitte tatsächlich zur Metastasierung des Tumors beitragen oder nur zufällig auftreten, müssen weitere Untersuchungen zeigen. Fest steht jedenfalls: Die Forschungsergebnisse zeigen mit großer Beweiskraft, dass sich Krebszellen ihre Genome kontinuierlich und in großem Maßstab umgestalten. Dieser Vorgang wird auch chromosomale Instabilität genannt.

Die Befunde greifen eine laufende Debatte auf dem Gebiet der Krebsgenomik auf. Einige Wissenschaftler*innen argumentieren, dass es zahlreiche evolutionäre Veränderungen gibt, wenn sich der Tumor gerade erst bildet und das Genom später relativ stabil bleibt. Andere wiederum – darunter Schwarz und seine Kolleg*innen – vermuten, dass diese Veränderungen über den gesamten Lebenszyklus eines Krebs hinweg anhalten. „Unser Ansatz erbringt substanzielle Nachweise für eine kontinuierliche chromosomale Instabilität – und zwar so detailliert, wie es bislang nicht möglich war“, sagt Schwarz.

Schwarz und sein Team führen derzeit Beta-Tests ihres Algorithmus für die Veröffentlichung als R-Paket durch. Mit einer solchen Open-Access-Software zur Datenanalyse können auch andere Wissenschaftler*innen in diesem Bereich das Verfahren nutzen.


Wissenschaftliche Ansprechpartner:

Dr. Roland Schwarz
Laborleiter „Evolutionäre und Krebsgenomik“
Berliner Institut für Medizinische Systembiologie (BIMSB)
Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC)
+49 (0)30 9406 3200
Roland.Schwarz@mdc-berlin.de


Originalpublikation:

Tom Watkins et al. (2020): „Pervasive Chromosomal Instability and Karyotype Order During Tumour Evolution“, Nature, DOI: 10.1038/s41586-020-2698-6


Weitere Informationen:

https://www.mdc-berlin.de/schwarz Arbeitsgruppe von Dr. Roland Schwarz
https://www.mdc-berlin.de/de/news/press/PCAWG Pressemitteilung Februar 2020: „Im Detail erfasst: Mutierte DNA in Krebszellen“


Ergänzung vom 28.08.2020

Wie die Forschenden in der Fachzeitschrift Nature berichten, fanden sie die im ersten Abschnitt beschriebenen Hinweise bei 22 Tumorarten, nicht bei 24.

Es handelt sich um unterschiedliche “Tumorarten”, nicht wie mehrfach im Text erwähnt um “Krebsarten”.


Merkmale dieser Pressemitteilung:
Journalisten
Biologie, Mathematik, Medizin
überregional
Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
Deutsch


Quelle: IDW